Interessante Texte 2007-2008

Interessante Texte

vorgestellt von Liesl Ujvary auf der Webseite der Alten Schmiede Wien 2007-2008

wald

  

  

  

  

   

1 konrad bayer

2 reinhard priessnitz

3 friederike mayröcker

4 ernst jandl

5 raymond roussel

6 ulrich schlotmann

7 ann cotten

8 ilse kilic

9 velimir chlebnikov

10 barbara köhler

11 anselm glück

12 brigitta falkner

13 kurt gödel

14 monika rinck

15 sabine scho

16 herbert wimmer

17 conlon nancarrow

18 johannes jansen

19 katharina schultens

20 gundi feyrer

21 florian neuner 

22 hanno millesi

23 lisa spalt

24 margret kreidl

25 martin breindl

26 dieter sperl

(1) 

konrad bayer

niemand hilft mir

niemand hilft mir
niemand spricht mir
niemand gibt mir ein stück brot
jeder betrachtet mich
jeder verachtet mich
jeder wünscht ich wäre tot
das ist lustig
das ist schön
das ist das zugrundegehn

niemand weint so zart
wie es meine art
niemand wälzt sich so im kot
jeder ist entsetzt
jeder ist verletzt
jeder flüstert leis „mein gott“
das ist lustig
das ist schön
das ist das zugrundegehn

Konrad Bayer, Sämtliche Werke. Hrsg. von Gerhard Rühm. Überarb. Neuausgabe. Klett-Cotta, Stuttgart 1996.
konrad bayer, 17. 12. 1932 – 10. 10. 1964

mit freundlicher zustimmung von traudl bayer-steiger sowie genehmigung des klett-cotta verlags.

konrad bayer

kommentar zu konrad bayer, niemand hilft mir

konrad bayer erfuhr in wien für seine dichtung kein verständnis, keine förderung, keine unterstützung. eine art nullpunkt fand statt, eine stunde der wahrheit. konrad bayer erlebte sie als vollkommene isolation. innerhalb der von ihm so deutlich empfundenen isolation entstanden seine exemplarischen kühl kompromisslosen dichtungen aus sprache und vorgefundenen sprach- und textbausteinen. diese stunde der wahrheit ist in ihrer essenz für uns heute nicht mehr erfahrbar. so viel förderung, so viele zeitschriften und verlage – oder wird die nichtachtung der literatur durch diese ganze förderung nur sanft kaschiert? von welcher literatur ist überhaupt die rede? dostojewskij sagte über die russische literatur, „wir sind alle aus gogols mantel hervorgekrochen“ – kann man über die heutige österreichische literatur ähnliches sagen? 
kann man sagen, wir kommen alle aus der literatur, für die hier dieses gedicht konrad bayers steht? ein hoffnungsvolles postulat!
liesl ujvary

(2) 

reinhard priessnitz

aus: LINZ, RINGEL, ETC.

angenommen, es gäbe das syndikat – das syndikat schlechthin – angenommen, und es kümmerte sich zweifellos auch um kunst, weil es sich eben um alles kümmert, angenommen, ich wüsste es, was würde sein? sie kennten einen, sobald man ein bisschen mitgemischt hätte, weil sie auf draht wären und weil sie sich umsehen würden, in der branche, versteht sich, und dann hätten sie eines tages den namen, zunächst mal. sie hätten genug verbindungen und sicher auch das merks, und sie hätten das geld und das interesse, wie sie die leute hätten, die kassiere, die aufpasser oder die antreiber. schön. sie legten den köder, in der kunst den kunstköder, und dann schickten sie erstmal einen oder ein paar, zuerst von den

harmlosen, später von den wichtigeren. mit kunst lässt sich heute einiges machen, und sie würden verdammt darauf achten, dass die sache in schwung bliebe. zunächst würden sie warten, dass der name anbeisst – sie würden immer mit dem anbeissen rechnen, auf die dauer – und sie würden ihn ziemlich lange tun lassen, wovon er glaubt, er wolle es – und unser mann würde es tun, ich würde es tun, wie ich es tue usw. und sie registrierten das vorläufig mal. sie liessen einen in der gewissheit zappeln, weil sich das immer noch als das vernünftigste herausgestellt hat und der erwartung förderlich wäre. angenommen, man ginge darauf ein. – sie rückten mit der förderung raus, dem ankauf oder dem lob, je nachdem. und wenn man abwinkte, mit der sorge, der kritik, dem neuen programm – nicht mit dem ausschluss. natürlich hätten sie den auch, aber der würde sich für sie nicht rentieren. und wenn einer nicht gleich kapierte, oder sagen wir vielleicht, ein wenig später, wäre es ebenfalls nicht weiter schwierig, weil sie auch noch güte hätten, einschliesslich der kraft der überredung. und für alle fälle hätten sie den nachruf und die klassifikation. sie würden ihre abmachungen so stillschweigend treffen, dass jeder darüber reden könnte, und das urteil wäre die chance. der rest ergäbe sich von selbst. für die besonders schlauen hätten sie die technik oder die schemata oder die medien oder irgendwas. dem syndikat wäre es letztlich egal. es kassierte, es hielte das wohlgefallen in gang, die bedeutung, den sinn, jedenfalls den nutzen, und es wäre eine menge. auch das mit der sprache kriegten sie hin – warum nicht? es wäre nicht weiter schlimm. ich dürfte sogar das schreiben, und zwarso – denn das wäre unbedingt drinnen, das so-schreiben – : es wäre, wie mit der einen hand, die die andere wäscht, also für alle besser. sie hätten mich auf der liste, und sie hielten die aufgabe bereit, und dann verglichen sie es mit dem thema. in ordnung. sie machten ihr kreuz und rechneten am gewinn herum. eventuell kalkulierten sie die verbreitung, grösser oder kleiner, je nachdem. halb so schlimm. das syndikat könnte sich launen leisten – oder übermut, und immerhin bestünde noch die möglichkeit des durchrutschens. es wäre ja ziemlich gross, nicht; und es könnte vorkommen. wie immer würden einige wenige was am kasten haben, die meisten nicht, aber sie könnten es sich leisten, weil sie ja doch wirklich gut verbreitet wären, drüben ohnehin und hier sicherlich auch weiter als bis linz, wo sie bestimmt sässen, wahrscheinlich mehr die von den muffigen, aber doch.

aus: reinhard priessnitz, fünf prosastücke. werkausgabe, edition neue texte, linz-wien 1987.
reinhard priessnitz, 1945 – 1985.
mit freundlicher genehmigung des literaturverlags droschl.

priessnitz

kommentar zu reinhard priessnitz, linz, ringel, etc.

renommierte deutsche grossverlage / das feuilleton / qualitätszeitungen / marcel reich-ranicki / treffpunkt kultur / bestenliste des südwestfunks / edenkoben / die zeit / perlentaucher / mondseer lyrikpreis / der kanon : die deutsche literatur / döblin preis / kultur aktuell / literaturen / nobelpreis / staatsstipendium für literatur / orf bestenliste / ahrenshoop / watchlist / ex libris / süddeutsche zeitung : bibliothek / büchner preis / tage der deutschsprachigen literatur / volltext / lyrikline / priessnitz preis

liesl ujvary

(3) 

friederike mayröcker

drei propositionen aus: je ein umwölkter gipfel

es herrschen einfach andere gesetze zur zeit, sagte er, und du bist ausgesetzt, ihnen ausgesetzt.
über deinen schädel werden sie mit mächtigen stiefeln stampfen, sagte er, und du kannst nichts tun gegen sie.
unter deinen sohlen haben sie sich ausgegossen und ätzen dir deine eingeweide wund wenn du über sie trittst, sagte er.
aber du kannst nicht das haupt erheben gegen sie, sagte er.
aber du kannst niemand anrufen um dein recht.
du lebst nämlich ein leben, das nicht dein leben ist, sagte er.
knöcheltief, sagte er, bis an die zähne bist du umstellt.
……

es steht es grün, sagte er, gebunden.
man will doch zu sinn, sagte er.
rumbohren, sagte sie, finger wundkratzen.
gebunden, sagte er, an wörter.
zu grammatikalischem zweck, sagte er, ändern.
ein übergeordneter zusammenhang ist ja wohl nicht da, sagte er, lachte er.
zweckränder, sagte sie, eine flexion.
röhrend mit herrlichem blick, sagte er.
…..
was für ein widerstreit, sagte er.
bis es endlich so weit ist.
man möchte schlieszlich was ordentliches daraus machen.
es geht darum, eine fiktion aufrecht zu erhalten, sagte sie.
ein balanceakt.
der schönheit ins gesicht, sagte er, schlagen!

friederike mayröcker, je ein umwölkter gipfel. luchterhand verlag, darmstadt 1973.

mit genehmigung des suhrkamp verlags.

fm

kommentar zu friederike mayröcker, aus: je ein umwölkter gipfel

erschienen 1973 im luchterhand verlag, lektorat klaus ramm. das sind mal deutliche anklänge an 1968, an die unaufhörlich geführten debatten etwa darüber, dass „du ein leben lebst, das nicht dein leben ist“, wie der männliche dialogpartner sagt, der überhaupt den grossteil des textes vertritt, denn „man will doch zu sinn“, während sie, der weibliche part, sich mit worten wie„rumbohren, finger wundkratzen“ einbringt, solcherart privat politisierend. er „möchte schliesslich was ordentliches daraus machen“, sie weiss, dass es ja darum geht, „eine fiktion aufrecht zu erhalten“, und das sei nur durch „einen balanceakt“ poetischen tuns zu erreichen, die deklaration „der schönheit ins gesicht schlagen!“ genüge nicht – sie nimmt eine „flexion“ vor, überschreitet die „zweckränder“, und da kommt dann dieses „rumbohren, finger wundkratzen“, der eigentliche schlag ins gesicht der schönheit. ganz schön subversiv, das.

liesl ujvary

(4) 

ernst jandl

die amsel

fang eine liebe amsel ein
nimm eine schere zart und fein
schneid ab der amsel beide bein
amsel darf immer fliegend sein
steigt höher auf und höher
bis ich sie nicht mehr sehe
und fast vor lust vergehe
das müsst ein wahrer vogel sein
dem niemals fiel das landen ein

aus: ernst jandl, der gelbe hund. werkausgabe bd. 8, luchterhand literaturverlag 1997.

mit freundlicher genehmigung des luchterhand verlags

ernst jandl

zu ernst jandls gedicht „die amsel“

ernst jandl war ein dichter, der sich der materiellen, organisatorischen und gesellschaftspolitischen belange die literatur betreffend schmerzhaft bewusst war. er war massgeblich an der gründung der grazer autorenversammlung beteiligt und war sich nicht zu schade, an vielen unerquicklichen langen sitzungen diverser gremien teilzunehmen, in denen es um eine bessere verankerung der literatur im sogenannten kulturbetrieb, sprich verteilung der ressourcen, ging. auch um das materielle schicksal der autoren sorgte und kümmerte er sich. nicht umsonst war ernst jandl so beliebt. sein gedicht „die amsel“ ist eine scharf gedachte metapher der literarischen situation in österreich und anderswo.

liesl ujvary

(5) 

Raymond Roussel

Die Säule, die, wenn bis zum Blutigwerden der Zunge beleckt, die Gelbsucht heilt
Abul-Mateh-Moschee Umgebung von Damiette

Heldenhafte Behandlung! Nach tausend anderen Narren mit der Zunge die Flanken dieses Pfeilers abzunutzen, ohne im geringsten zu unterdrücken, dass sie ausblutet! Doch wozu nimmt man nicht Zuflucht, worunter beugt man sich nicht, wenn man von der greifbaren oder chimärenhaften Hoffnung gebannt ist (Hoffnung! König der Hebel! Jeder Onkel aus Amerika ((diesem noch jungen, unerschöpften, gesegneten Land – so spät noch ist es als unbeschrieben aus unseren Atlanten verbannt geblieben –, wo man zwanzig mal mehr Gold errafft als in der alten Welt, sei es, dass man – denn das Leckere bedarf des Unsauberen – hunderttausendkiloweise einen Dünger für jene endlosen Felder herstellt, auf denen, frohgemut und mit kühler Schnauze (((Ein Tag macht aus einem leidenden einen wasserscheuen Hund; sich zu vergewissern, dass diese Flüssigkeit, die auch der besterzogene Neugeborene herunterschluckt, aus dem Freunde des Menschen rinnt und ihm die Schnauze glänzend macht – das ist, achten wir gut darauf, nicht minder notwendig als: – wenn der Feind einen Sendboten losschickt, diesem Eindringling eine Binde um die Augen zu legen; – wenn ein König vorüberfährt, alle vier Himmelsrichtungen um seinen Wagen mit einem radfahrenden Polizeispitzel zu besetzen; – wenn man als Haupt von Verschwörern eine Liste der Namen aufstellt, alles, was man an Geist besitzt, auf deren Chiffrierung zu verwenden; – die Äcker, auf die man sät, mit Vogelscheuchen zu besetzen, damit der plündernde Vogel davor zurückschreckt, sich zu mästen; – im Alter (((im Winter unseres Lebens schwärmt unser Haarschopf aus, so wie die Strahlen, die in der Herbstsonne stecken, dahinschwinden, wenn sie sich zur Wintersonne verwandelt)))) sich zur Regel machen, dass man entweder die Luft meidet oder ein Käppchen trägt; – nachdem man von einer Pechsträhne in die andere geraten ist, das Geld, das man aus einem Spielklub gerettet hat, in einer sicheren Leibrente anzulegen; – wenn es Zeit für ein Wannenbad ist, den Riegel vorzuschieben; – bevor man auf dem Hochseil arbeitet, sich mit einer Balancierstange auszurüsten)))

aus: Raymond Roussel, Nouvelles Impressions d’Afrique. Französisch Deutsch, übersetzt und herausgegeben von Hanns Grössel, edition text + kritik, Frühe Texte der Moderne, München 1980. S. 81-83

roussel

Kommentar zu Raymond Roussel

Raymond Roussel (1877-1933) gilt als Pionier der Moderne. In seinem Werk gehen Naivität, Belesenheit und Erkenntniskraft eine intensive Verbindung ein. Der Psychiater Pierre Janet schreibt über Roussel, er habe eine sehr interessante Konzeption von literarischer Schönheit – „das Werk darf nichts Wirkliches enthalten, keinerlei Beobachtung an der Welt … nur völlig imaginäre Kombinationen“. Richtiger wäre es, diese Aussage auf den Kopf zu stellen: Roussel verwendet verschiedene formale Ansätze und Regeln, um das Potential der Sprache an Mehrfachbedeutungen und Bedeutungsrelationen aufzuschliessen. Scheinbar bizarre Parallelwelten entstehen, die doch nur abbilden, was unser Gehirn als Hyperkubus neuronaler Prozesse laufend produziert – natürlicher (biologischer) Realismus sozusagen, der auf eine nahezu völlige Loslösung von allem abzielt, was Natur, Gefühl, Menschlichkeit heisst – kein Erzählen also schematischer fiktiver Projektionen, gemeinhin Realismus genannt. 
Roussel blieb sein Leben lang völlig erfolglos. Den Druck seiner Bücher, die Aufführung seiner Theaterstücke bezahlte er selbst aus ererbtem Vermögen. 
Von den Surrealisten wurde er hoch geschätzt, zu seinen Bewunderern zählten Michel Leiris, Marcel Duchamp, die Oulipos, Alain Robbe-Grillet, Michel Foucault. 
Der vorliegende Text stammt aus den „Nouvelles Impressions d’Afrique“, einem 1274-zeiligen Poem aus gereimten Alexandrinern, dessen in bis zu fünffache Klammern gesetzte Parenthesen (samt Fussnoten) eine Vielzahl weitreichender Ebenen eröffnen.
Roussels Lieblingsautor war Jules Verne.

(6) 

Ulrich Schlotmann

Der Vorstehhund 
„Wahre dich!“ – (so) spricht der Waidmann, er betont dabei jede Silbe (einzeln) – „dass ein (gewisser) drohender Unterton – ‚(irgendwo) schon’ – mitschwang“ – (er) fordert – unmissverständlich (ein): „Gehorsam – ohne: (jedes) Wenn/& Aber, unbedingt“ – von dem vor der Zeit – „da er unter Wind kam“ – unruhig werdenden Hühnerhunde – „mit dem Schwanze wedelt der schon (bedenklich) hin/& her, immer schneller – dies, ein (nahezu) untrügliches Zeichen, kennen wir – es steht dafür: dass er (etwelche) Hühner, Schnepfenvögel – in der Regel– anzieht“ – hätte – „als sein Herr verhoffte“ – eigentlich: (auch) ohne (entsprechendes) Kommando Sitz machen müssen – „hat er aber nicht, ist zudem schusshitzig, sehr misslich (dies).“ Sei das (korrekte) Vorstehen (oft) auch angewölft – „Übung“ – bitte, da vertue sich niemand – „Übung braucht es trotzdem.“ Wenn wir (schon) eines – auf die Dauer – (sehr) enervierenden Winselns gewahr würden – „vernehmen Sie ein – nicht selten: (extrem) hohes – erst leises/dann: klar & deutlich vernehmbares Fiepen, das den – ‚wie zu einem (dünnen) Strich – «im Stadium äußerster Erregung» – zusammengepressten’ – Lippen entwichen sein muss“ –

(spätestens) dann: hätten wir Grund (genug) zu der Annahme – „einen ersten/unter keinen – ‚wie auch immer gearteten’ – Umständen zu ignorierenden Anhaltspunkt – darauf“ – dass: eine unbedachte Reaktion von Seiten des Rüden (unmittelbar) bevorstehe. Jeder (halbwegs) erfahrene Hundeführer kenne das – zur Genüge – „und nimmt (darüber hinaus) dies Indiz als Aufforderung, rasch & umsichtig zu handeln – (streng) durchzugreifen: die Parole, das Patentrezept (schlechthin) und (einzig wahre) Mittel, das (jetzt) angezeigt, unbedingt.“ Wenn die Spuckenester in den Schnauzenwinkeln (stetig) größer würden – „größer (noch) als die (durchschnittlichen) Spermaflecken links/& rechts des Kopfkissens“ – dabei: (augenscheinlich) die Konsistenz geschlagener Sahne annähmen – „unschön – ‚alle möglichen/(durchweg) negativ besetzten Gefühle einen (da) beschleichen, (heimtückisch) von hinten, nach Art der – so: arglistigen/wie: feigen Apachen – (…) ursprünglich (einmal) eine (alte) Comanchen-Taktik, glaubt man/will man (selbst ernannten) Sachverständigen Glauben schenken, die die Sioux (zunächst) aufgegriffen und – nach/& nach – perfektioniert/auch – eine Zeit lang– bei den Crow (wohl) im Schwange war – «mit den – ‹von (vielen) Westernfilmen (her) bekannten› – für manchen Damaligen verhängnisvollen Folgen – ich sage nur: Marterpfahl» – die Kiowa (endlich) – «als deren (blutsverwandte) Brüder» – hatten sich – «praktisch: unvermeidbar» – prompt: (damit) infiziert & (davon) anstecken lassen und (wenig) später – dann: (schon) gar nicht mehr anders gekonnt – als: von hinten sich ranzumachen – «das war (dann) auch für die Kiowa – in mancherlei Hinsicht – das Ende (vom Lied)/der Anfang vom Ende (vom Lied) – genau genommen» – Frage: wer kennt (noch) – «(die) Hände hoch!» – den Discohit In the Navy oder YMCA? – «(beides) echte Mitgröltitel, wie sie später – so: nur (noch) von den Pet Shop Boys – ‹Heteros – schon mal drüber nachgedacht/jemandem aufgefallen? – sehen – aber: ganzanders aus› – ins Stadionrund geschmettert wurden
aus: Ulrich Schlotmann, Die Freuden der Jagd. Unveröffentlichtes Manuskript.

Ulrich Schlotmann, geboren 1962 in Balve, Sauerland. Seit 1986 Schriftsteller.
Publikationen: Entlöse. Maas Verlag, Berlin 1993. In die feuchten Wälder gehen. Ritter Verlag, Klagenfurt Wien 1996. Bluten, Wald. Ritter Verlag, Klagenfurt Wien 1999.

SCHLOTMANN

Kommentar zu Ulrich Schlotmann, Der Vorstehhund
Seit 7 Jahren arbeitet Ulrich Schlotmann an seiner grossen Prosa „Die Freuden der Jagd“. Hier wird eine reine Männerwelt geschildert (Frauen kommen nur ganz am Rande vor, etwa als Pornodarstellerin), deren Inszenierungen sich aus dem Paläolithikum offenbar relativ ungebrochen bis in die Gegenwart fortsetzen. Schlotmann beschreibt diese Welt nicht nur, er demaskiert und seziert sie bis ins Detail. Sehen wir es so: Die männliche Ideologie der altsteinzeitlichen Jäger und Sammler brachte nach und nach neben der Kriegskunst das Schmiedehandwerk, das Militär, die Hierarchie, den Gehorsam, die Homophobie und den religiösen Schuldkomplex hervor. In den „Freuden der Jagd“ beobachtet die Sprache diese Welt als Modulsystem von Texten, das sich in vielen Dimensionen realisiert, manche dieser Dimensionen deutlich sichtbar, manche eingefaltet und kaum kenntlich. Blitzartig spannen sich assoziative sprachliche Netze aus, springen von Metaebene zu Metaebene, alte, uralte, alttestamentliche Codes sind ebenso gegenwärtig wie moderne Sprach- und Medienkritik. Die eigenwillige, dichte Zeichensetzung verhilft dem Autor dazu, Links zu setzen auf verwandte Metaphern & Samples und so Bezugssysteme innerhalb von Bezugssystemen anzudeuten. Individuen treten hier nur als sprachliche Membrane auf, in denen sich eine Denk- oder Existenzhaltung momenthaft manifestiert, um gleich darauf in andere Formen, Schablonen oder Programme überzuwechseln und auf diese Art ein Panorama omnipräsenter Lebensstandards zu entwerfen. Wir haben hier eine höchst moderne Prosa vor uns.
Liesl Ujvary

(7)

Ann Cotten

Unter Linden 

Die Abstrakta kriegen was von Gegenständen,
die vorliegen in default of people. Sentiment.
Ich schmeiß alles weg, die süße Willkür
hält nur für Augenblicke an, verlangt sofort
nach follow-ups. Bald ist alles verworfen,
die süße Leere, wie gesagt, Abstrakta
sind meine Freunde. Kugelschreiber. Mp3s.
Sind mehr in meinen Hirngeseuchen
als im Gerät. Ich trags an Stelle des H-
der Gefühle. Ein Wort von vor der Revolution.

Man macht Gedichte aus Gegenständen, zu denen
man zärtlich für die Zeit der eigenen Verschiebung.
Ein gottverdammtes Lindenblatt auf diesen
ochsenblutigen Berliner Dielen, dieselben
wie bei mir, sagt jeder zweite. Unter denen
ist Innenstadt am Laptop, allenthalben, aber
entladen, überall gleich weißlicher Granit, und man
zählt sinnlich auf: bei Dussmann Sondereditionen,
die Lichterwürste die die Konturen der Bäume
nachzeichnen am Abend wie jemandes Gesamtwerk.

(2006, unveröffentlicht)

Ann Cotten, geboren 1982 in Ames, Iowa, lebt seit 1987 in Wien. Studium der Germanistik, Diplomarbeit über eine „Poetik der Liste“. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, u.a. in Zwischen den Zeilen, Kolik, Bella Triste. Teilnahme an Poetry Slams. Übersetzungen ins Englische. Die „Fremdwörterbuchsonette“ mit 78 Sonetten erscheinen im Frühjahr 2007 in Buchform.

ann_cotten

Liesl Ujvary: Kommentar zu Ann Cotten

Das Sonett gilt als „strenge Form“, 2 Vierzeiler, 2 Dreizeiler, Reimschema, These, Antithese, Synthese. Es entstand in Italien im 13. Jhd. als weltliche Minnelyrik. Ein Sonett soll „klingen“, will vorgetragen werden.

Ann Cottens Sonette lassen jede Strenge vergessen. Es sind leichte und schöne poetische Manifeste, ein Wechselspiel zwischen atemloser Eleganz und erkenntnistheoretischer Kühnheit. Während zeitgenössische Lyrik oft in Beschreibungen kostbarer Mikrobefindlichkeit zerrinnt, erlaubt hier die Sonettform eine Verbindung des Privaten mit Loxodromen und Isanabasen, mit Palingenese, Kontingenz oder Metonymie. Wissenschaftliche Ideologeme werden metaphorisch so aufbereitet, dass ihre Semantik als „Muster“ (pattern recognition) für das subjektive emotionale Tun funktioniert. Massive Welthaltigkeit zeichnet diese Gedichte aus. Nur bedingt sind es Liebesgedichte, der Blickwinkel erweitert sich, durchmisst differente Lebensformen, weist der conditio humana weite Räume zu. Unter der Oberfläche passiert in diesen Gedichten eine ganze Menge!

Das Gedicht „Unter Linden“ ist kein Sonett, kann aber Wort für Wort als Reflexion über das Sonettschreiben gelesen werden.

(8) 

Ilse Kilic

OSKARS MORAL
doch oskar hat als photo das panorama von karl vorm kopf. oskar war gegen peter damals, als peter gegen oskar stand, doch stop! wenn peter jetzt karl begehrt, begehrt dann lisl oskar und wird susi zu susanne wegen dem ernst des lebens, dem susanne als frau entgegensteht? oskar samt karl als paar? oskar gegen peter wegen karl? war das das, was oskar sah, was karl ganz charmant als mann an peter gab, wo doch oskar voll angst das, was karl oskar bot, bloß halb annahm? oskar hat also nicht bloß lisl im kopf, wo schon eberhard sitzt, oskar hat dann noch karl im kopf! oskar hat wohl als kopf bloß hormonschrank? jaja, voll hormon war oskars kopf!
aus: OSKARS MORAL, Ritter Verlag Klagenfurt Wien 1996

VOM UMGANG MIT DEN PERSONEN
Ich werde zu zeigen versuchen, dass die Konstruktion einer Hauptperson für diese oft unangenehm und schmerzhaft ist, dass dieses Leiden der Hauptperson aber billigend in Kauf genommen werden muss, um einen Text oder Textabschnitt zur vollen Wirkung kommen zu lassen.
aus: VOM UMGANG MIT DEN PERSONEN, Ritter Verlag Klagenfurt Wien 2005

Ilse Kilic, geboren 1958, lebt in Wien und im Fröhlichen Wohnzimmer aufwww.dfw.at. Buchveröffentlichungen (zuletzt): Band 4 der Verwicklungsromans mit dem Titel „Zwischen Zwang und Zwischenfall“, geschrieben gemeinsam mit Fritz Widhalm (Edition ch 2005), „Vom Umgang mit den Personen. Eine Schöpfungsgeschichte“ (Ritter Verlag 2005) sowie der Comic „Ein kleiner Schnitt. Unser Krebsjahr“ (ebenfalls gemeinsam mit Fritz Widhalm). Gedichtverfilmungen – Gedichte von 30 KollegInnen als Kurzfilme.
Vertonung von Kinderliedern auf der CD „Wenn ich ein Vöglein wär“.
Ilse Kilic und Fritz Widhalm betreiben in Wien „Glückschweinmuseum und Wohnzimmergalerie“ (8; Florianigasse 54, geöffnet: Di, Do FR 15 – 18.30 h).
aus: ACH DIE SPRACHE, edition zzoo Wien 2006

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Liesl Ujvary: Kommentar zu Ilse Kilic
Ilse Kilic hat dem Lipogramm, insbesondere dem lipogrammatischen Roman, in der deutschen Literatur ein glanzvolles Comeback bereitet. Das Lipogramm als Genre verzichtet auf einen oder mehrere Laute, zb auf das R (im Barock von Theologen verfasste Predigten, vielleicht weil R schwer auszusprechen), George Perec schrieb einen vielbeachteten ganzen Roman ohne E, „La Disparition“, zu deutsch „Anton Voyls Fortgang“, übersetzt von Eugen Helmlé. Ilse Kilic hat eine andere Form der lipogrammatischen Programmierung verwendet – überall wo Oskar vorkommt, gibt es nur O und A, Lisl und Peter sind auf E und I beschränkt, Karl und Eberhard auf A und E, und Ulrike hat ein Putzi. Jede Person hat um sich ein semantisches Feld bzw eine vokalische Weltanschauung; sie sind im Wien der frühen 80ger Jahre verortet, zur Zeit der lila Latzhose, als es noch WGs gab, Beziehungen und Beziehungskrisen in einer bestimmten Weise erörtert wurden, jeder eine Therapie besuchte und alle links waren. Ernst Jandls Gedicht „ottos mops“, ein Lipogramm ganz anderer Art, ist ebenso eingearbeitet wie der damals aktive Inspektor Kottan aus der Fernsehserie „Kottan ermittelt“. „Oskars Moral“ ist ein perfektes, witziges Buch, ganz ohne experimentelles Gähn.
Es sei noch auf Ilse Kilic’ Comic-Zeichnungen verwiesen, ihre Gedichtverfilmungen und Trickfilme, und auf ihre anderen Bücher (siehe obige Zitate), die alle extrem rührend sind und die alle Klasse haben.

(9) 

Velimir Chlebnikov

aus der STERNENSPRACHE

An den Erdball

WE der Wolken, WA der Sterne der Nachtwelle,
WE der Menschen rund um eine Achse,
WE der Zweige um den Baum, WE des Windes
und der Welle, WE der Haare eines Mädchens,
und LA der Erde an die Wiese des Himmels.
Mit dem Blütenblatt der Erdensonnenblume, und des ganzen Erdballs LA,
und du Boot der Erde, wo des Himmel Strahl – ein Matrose ist,
wo MI, das Himmelsmeer atmet!
Im SCHA des Meers von schwarzen Blicken;
PO des Himmelsgewölbes, RI & RO!
Der Gestirne GO sei über dir
wo der Streif der Wolken über der Wolkenstreife ist!
PI weiter und weiter ins nächtliche Dunkel!
Ins nächtliche TU, ins nächtliche Finstre, wo TA ist,
der Himmel MO und das SASA blauen Feuers.
SEA des Grüns, o MEA der Wasser!

Wenn der Tageswelt NI
ins SCHA des städtischen Denkens,
fern dem hellen Solon,
das schon glänzende DA, das LA des Feuers aufgeht,
wo das SASA des Grün,
wo das SASA der weissen Wolken,
wo das feurige SASA;
in der Stunde des Lichtens NO und TU,
wo das göttliche NINI-NI der Götter,
wo das PE der Götter mit Flügeln des Dunkels
ins SCHA des menschlichen Denkens.
Weben der Weide wehe,
sei WE der wilden Wiederkunft,
sei WE der heiligen Wiederkunft,
Wie die Haare am Schädels des Schriftstellers der Welten,
wehe mit dem Wedel der Fichte der Gottheiten,
wo das Nichts des Netze-Nestes weht.
Und das Wabern der Welten der Nacht.
Stürze ins SA der Menschenwelt,
HA des Denkens, – NI der Sprachen,
SCHA des Denkens, – DO der Sprachen,
GO der Menschen, schaut in den Himmel:
SCHA der Morgenröten befehlen es!
Mir hat der GOUM befohlen
die GO-Sitten einzuführen
der fliegenden Regierung
des Erdballs,
die, ein Schmetterling, flatternd
über der Wiese der Namen taumelt.

(Übersetzung Rosemarie Ziegler)

aus: Velimir Chlebnikov, Werke 1, S. 338, hrsg. von Peter Urban, rowohlt das neue buch, reinbek 1972

Velimir Chlebnikov wurde 1885 in Chanskaja Stavka (Gouvernement Astrachan) geboren. Er war Zeit seines Lebens ohne festen Wohnsitz. Gestorben 1922 in Santalovo.

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Liesl Ujvary, Kommentar zu Velimir Chlebnikov

Einerseits ist Velimir Chlebnikov wegen seines ungewöhnlich breitgefächerten Sprachgefühls ein praktisch unübersetzbarer Autor, andererseits scheint gerade dieses ungewöhnliche Sprachgefühl ihn zu befähigen, in tiefere Sprachschichten als die des Russischen, seiner Muttersprache, vorzudringen und auf „Muster“ zu verweisen, die der menschlichen Sprachfähigkeit möglicherweise zu Grunde liegen. Sprache beruht auf einem klanglichen Substrat, das gemeinsame Wurzeln mit Musik besitzt, solche Zusammenhänge sollten wir bedenken, wenn wir Chlebnikov lesen, in einer unzureichenden Übersetzung und jeder still für sich. Chlebnikov wäre als Sprechgesang zu hören. Sprache und Musik als Felder menschlicher Existenz spielen nämlich ganz unterschiedliche Rollen in unserer Psyche und Physis. Sprache ist eher in der Grosshirnrinde lokalisiert, während Musik viel ungenauer definierte Bereiche belegt, die aber umso stärker wirken – möglicherweise im limbischen System. Dort herrschen Gefühle, Angst – Lust – Aggression – Furcht – Abwehr. Chlebnikovs STERNENSPRACHE verweist auf diese Bereiche eher denn auf konkrete sprachliche Phonemarchitekturen. „Das Wort als solches“ lautet ein Manifest von Chlebnikov und Aleksandr Krutschonych. Zusammen mit Krutschonych, David Burljuk und Vladimir Majakovskij verfasste Chlebnikov 1912 in Moskau das futuristische Manifest „Eine Ohrfeige dem öffentlichen Geschmack“. Viele Gemeinschaftsarbeiten und Auftritte mit futuristischen Künstlern folgten. Wäre diese Poesie ohne die Aufbruchstimmung der russischen Revolution denkbar? Chlebnikov reiste viel, pflegte einen sehr grosszügigen Umgang mit seinen Dichtungen und Manuskripten, von denen ein Grossteil verloren ging, und starb schliesslich im Alter von 37 Jahren 1922 irgendwo in einem von Bürgerkrieg und Hungersnot zerrütteten Russland

(10)

BARBARA KÖHLER  

MUSE : POLYTROP

Sage mir muse wer Es ist was Er wer Homer & warum
ist Es wichtig & Es zu wissen sag mir wer du bist
was Ich ist sag mir dich frage ich mich sage wenn
ich meine er seiner die oder der irrt so ich irre
wäre eine gewordene wäre die frage mich irre mich
muse sage mir. Mir sage muse wer sagt dass Er sei
Homer sei gewesen ein sie sei nicht einer sei ein
e mehrzahl wenn er ist bin ich dann muse sage mir
seine: worte für: mich sag mir: YOU SPIRITS: THAT
TEND: ON MORTAL: THOUGHTS: UNSEX ME: HERE. sage m

ihr sage muse dass ich sie sah dass ich sie musen
nenne in spiegeln dass ich ihnen entgegensehe das
kommende bild das ich Ich nenne sie ach sieh dich
THOUGHTS UNSEX YOU MORTAL SPIRITS THAT TEND ON ME
HERE & hier & da – alles Sein was ist mein & dein
& nicht sein das nichtSein nichtEinsSein das mein
das deinSein ein geteiltes erwidertes ungehöriges
beisein in dem wir sind: kein bild nicht diese ab
gebildeten körper die areale ist sie nicht die er
innerung Es sind ihre töchter die singen – sage m

nemo sag -technik sag vers und sag zeile maschine
sag READ ONLY MEMORY & vergisses vergiss diese sp
rache als eine als seine beherrschte PRESS UNDO &
HOLD ON schreib sei diese eine sprache sei muse A
MUSED MUSE A AMUSED MUSE eine taktlose springende
stolpernd holpernde klingende & tanzende sprachen
wir du die gleiche mit der ich anders rede & muse
mir. mir sage: muse. dir sage mir uns musen plura
la belle elle la plurielle immortelle kein einzig
Es wort keine einzige welle meine doppelte stelle

aus: Barbara Köhler, Niemands Frau. Gesänge. Erscheint Herbst 2007 bei Suhrkamp.

Barbara Köhler, geboren 1959 in Burgstädt bei Chemnitz / Karl Marx Stadt. Ausbildung als Textilfacharbeiterin. Studium am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig. Seit 1994 in Duisburg. Publikationen u.a.: „Deutsches Roulette“, Gedichte, 1991. „Blue Box“, Gedichte, 1995. „Wittgensteins Nichte. Vermischte Schriften / Mixed Media“ 2000. Siehe auch Autorinnenporträt:http://www.suhrkamp.de/autoren/autor.cfm?id=2536

Barbara

Liesl Ujvary, Kommentar zu Barbara Köhler

Ist die Erde ein Spielfeld, ist die menschliche Lebensform eine Bakterienkultur, werden hier Experimente durchgeführt, Versuchsanordnungen probiert, Sprachspiele, Kriegsspiele, Gesellschaftsspiele, Tragödien, Komödien, Telenovelas, real life dokus, Migrationen, Aussenden von Weltraumsonden – warum vermehren wir uns nicht durch Zellteilung, warum Differenzierung in zwei Geschlechter, ist zweigeschlechtliche Fortpflanzung vorteilhaft für die Evolution, macht Ficken Sinn, ist Homers Odyssee eine Schule der Gefühle, hat Differenziation mit aristotelischer Logik zu tun, mit Digitalisierung von biologischer Information – wie viele Felder hat das Spielfeld, unterscheiden sich die Felder voneinander, welche Regeln gelten für die Durchquerung des Spielfelds, ändern sich die Regeln, kennen wir sie, muss das Spielfeld immer von Neuem durchquert werden, ist Nachdenken über die Regeln Denken

(11) 

Anselm Glück, Die Maske hinter dem Gesicht

Dann letzter Besuch bei den Eltern. Der Vater steht am offenen Fenster, neben ihm lehnt ein Luftgewehr, und er sprüht mit einem Vertilgungsmittel nach einem Insekt. Ich brauche meine Dokumente. Er wird unangenehm, wagt es aber nicht mehr, auf mich loszugehen. Heute bereue ich es, dass ich ihm zwischendurch nicht einfach von mir aus eine verpasst hab, oder ihm eine übergezogen mit dem Gewehrkolben und ihn dann mit dem Vandal-Spray entsorgt. Seine letzten Worte zu mir waren, mia san müllionen, owa du bist allan. Anlässlich eines Linz-Besuches ist er mir etwa 10 Jahre später über den Weg gelaufen, und wir sind ohne Gruss aneinander vorbei, und weitere 10 Jahre später hat er sich in der Wimhölzlstrasse, auf 23 im zweiten Stock, vor einen Kassettenrecorder gesetzt und seinen allerletzten Satz festgehalten: ich nehme das mit meiner Stimme auf, auf dass ihr sie immer hören könnt. Dann hat er abgedrückt. Mitten ins Herz. Wie mein Grossvater, der Vater meiner Mutter, 40 Jahre früher, in der nahen Bleibtreustrasse, in dem kleinen Kabinett, in dem mich dann ein paar Jahre später seine 15jährige Tocher geboren hat, als Friedrich Feuchtinger, null Jahre alt, aber schon an der Schulter verletzt, einerseits von Geburt an, und andererseits aber bin ich dem Papa zwei Tage später zufällig aus der Hand gerutscht, weil ich so dumm gebockt hab in seinem lieben Griff, und weil’s dummerweise mitten im Stiegenhaus war, bin ich über die Stufen in den Halbstock hinuntergeprallt. Oder überhaupt, warum ich immer so aufschrei, wenn ich mit ihm alleine bin. Er versteht das eigentlich selber nicht, aber komisch ist es schon.

aus: Anselm Glück, Die Maske hinter dem Gesicht, S. 205-206, 2007 Jung und Jung, Salzburg und Wien.

Anselm Glück, geboren 1950 in Linz, lebt in Wien.

anselm

Liesl Ujvary, Kommentar zu Anselm Glück

Anselm Glück hat mit seinem Buch „Die Maske hinter dem Gesicht“ ein respektloses, schrecklich lustiges Stück Sprache vorgelegt. Der Untertitel „Roman“ besagt in diesem Fall nicht, dass hier eine plausible Geschichte mit Charakteren und einer Handlung zwischen zwei Buchdeckeln erzählt wird. Immerhin hat das Buch 347 Seiten, Klaus Kastberger nennt es sein, Glücks, opus magnum. Glück lässt die Sprache sprudeln, „ich sehe mich um in mir, zücke den Bleistift und versuche mir vorzustellen, dass ich bloss aufschreibe, was mir erscheint und was sich mir zuträgt und dabei sozusagen von allein aufs Papier rutscht. Ich lese eigentlich eher mit, als dass ich schreibe, und oft bin ich selber am meisten erstaunt, aber häufig lese ich nicht einmal mehr mit, sondern denke die ganze Zeit schon an sonstwas.“ Ist das Introspektion? Oder macht die Sprache sowieso was sie will, mit dem Autor und mit uns, bzw. mit der geneigten Leserin, wie Glück sie nennt? „Man versucht, mich zu zerrütten. Systematisch. Aber auch das ist nur ein kleiner Teil eines grossen Gesamtplans, der letztendlich doch mir zugute kommt. Ich darf mich nur nicht beirren lassen. Von nichts und niemand.“ So schreibt der Autor mit Hilfe von Ohropax und diverser kleiner Freunde gegen den Gesamtplan an und hofft auf ein Arbeitsstipendium, zusätzlich zur Stadtschreiberstelle in Graz, oder auch anschliessend.

(12) 

Brigitta Falkner aus: „Populäre Panoramen“, unveröffentlichtes Manuskript 

Mein Knie berührt das Tischchen. Tee schwappt über den Rand einer Verschlußkappe. Eine Fliege föhnt ihre flimmernden Härchen über der Lüftung. Der Zug setzt sich langsam ruckelnd in Bewegung, indes es nun rechts und links in allen Farben zu blinken und aus dem Boden zu sprießen beginnt, tropisch anmutende Blüten einem ihre Staubgefäße und Stempel entgegenrecken, und man angesichts der penetrant knospenden Natur am Wegesrand die Augen zusammenkneifen und sich fragen muß, warum eigentlich ein Mangel an Zurückhaltung und Feingefühl als unverblümt bezeichnet werde, derweil meinem Gegenüber diese Verschwendung metabolischer Energien ein „Boah!“ entlockt, und der Zug an quietschbunten Blumen und glutäugigen Männern in orangefarbenen Overalls vorbeischaukelt, wie eine Kutsche, deren Spurweite übrigens mit der unserer Bahn identisch ist, wobei die von den englischen Postkutschen übernommene Spurweite, die genaugenommen auf die Breite der von den Streitwägen hinterlassenen Furchen in den alten römischen Langstreckenstraßen zurückgeht, sogar in der Raumfahrt als Richtmaß gilt. Auch die Booster der Space Shuttle dürfen nämlich, da sie beim Transport zur Startrampe mehrere enge Bahntunnel passieren müssen, das für die Normalspurbahn gültige Maß nicht überschreiten, welches vor zweitausend Jahren den Hinterteilen von zwei römischen Pferden entsprochen haben mag. Die Frau klemmt das Buch zwischen die Schenkel und fischt einen Lippenstift aus der Tasche. Jetzt gibt der Nervus falcius das Signal zur Kontraktion. Der Musculus orbicularis oris zieht sich zusammen. Die Frau spitzt die Lippen, und der Musculus corrugator supercilii wird aktiv. Zwischen den Augenbrauen der Frau bildet sich eine senkrechte Furche, an deren Rändern die Make-up-Schicht abzubröckeln beginnt. Mit einem Ruck kommt der Zug zum Stehen.

falkner

Brigitta Falkner, geb. 17. 6. 1959 in Wien. Lebt in Wien.
Buchpublikationen: Anagramme Bildtexte Comics, Das fröhliche Wohnzimmer 1992; TOBREVIERSCHREIVERBOT – Palindrome, Ritter Verlag
Fabula rasa oder Die methodische Schraube, Ritter Verlag 2001;
Bunte Tuben, Urs Engeler Editor, Basel 2004.

bri-wpLiesl Ujvary, Kommentar zu Brigitta Falkner

Einen Realismus der besonderen Art praktiziert Brigitta Falkner. Ob sie traditionelle Verfahren wie Anagramm, Palindrom oder Lipogramm anwendet, stets nötigt sie die Sprache, den Blick freizugeben auf Ansichten der Realität, für die der normale Realismus blind ist. Ob es sich um „die Duotendenz von Würstchen und Brüstchen“ (BUNTE TUBEN) handelt, um den klarsichtigen Sinnspruch „Sei fies, tu erfreut“ (TOBREVIERSCHREIVERBOT) oder um „Infinitiv gilt nicht“ (PRINZIP I).
In dem neuen Projekt „Populäre Panoramen“ geht es u. a. um eine Bahnfahrt und sich anbahnende Beziehungen zwischen Reisenden, ein schon in russischen Romanen beliebtes Thema. Aber diese Realität der Bahnfahrt eröffnet nicht nur ein ständig wechselndes Innen und Aussen, Zufallsfahrgäste und mögliche Gefahrenmomente, sie ist an sich vielschichtig, denn sie besteht aus dem gesamten Hyperkubus menschlichen Wissens, der hier zwanglos zwanghaft eine anatomische Beschreibung der Gesichtsmuskulatur beim Lippennachziehen ebenso einbezieht wie er die Frage nach der Spurweite der Bahn auf die römischen Pferdefuhrwerke zurückführt, die sich in der Normierung des Spaceshuttle-Transportsystems wiederfindet. Von den Elektronen, die massenhaft schwärmen, wenn in Synthetikfasern gekleidete Beine übereinandergeschlagen werden, ganz zu schweigen. Dieses Geschehen spielt natürlich nicht in einem gleichartig strukturierten euklidischen Erzählraum, hier geht es holterdipolter von Domäne zu Domäne, Mikrokosmos und Makrokosmos schieben sich in und übereinander, freudianischer Witz grinst obszön dazwischen. In den „Populären Panoramen“ formiert sich ein Stück Literatur, extrem zeitgemäss, sprachorientiert, witzig und kombiniert mit sehr klaren surrealen Illustrationen aus Brigitta Falkners Bilderwerkstatt.

(13) 

„zu Kurt Gödel“ 

Es war die Idee Kurt Gödels, mathematisches Denken zur Erforschung des mathematischen Denkens selbst anzuwenden. Dieser Einfall, die Mathematik „introspektiv“ zu machen, erwies sich als ungeheuer fruchtbar, und seine weitreichende Folge war der nach Gödel benannte Unvollständigkeitssatz. „Alle widerspruchsfreien axiomatischen Formulierungen der Zahlentheorie enthalten unentscheidbare Aussagen.“ Dieser Satz, das ist die Perle, meint Douglas R. Hofstadter. Der Beweis von Gödels Unvollständigkeitssatz beruht darauf, dass man einen selbstbezüglichen mathematischen Satz niederschreibt, ähnlich dem Paradoxon von Epimenides: „Alle Kreter sind Lügner.“ Oder: „Dieser Satz ist unwahr.“ Diese Paradoxa sind selbstbezügliche sprachliche Aussagen.

Das Kernstück seiner Konstruktion ist die Vorstellung von einem Code. Im Gödel-Code – „Gödel-Nummerierung“ genannt, stehen die Zahlen für Symbole und Symbolfolgen. Auf diese Weise erhält jede Aussage der Zahlentheorie eine Gödel-Nummer, mit der sie bezeichnet werden kann. Und ein Kunstgriff des Codierens macht es möglich, dass man zahlentheoretische Sätze auf zwei verschiedenen Ebenen verstehen kann: als zahlentheoretische Aussagen und auch als Aussagen über zahlentheoretische Aussagen. Gödel ergänzte die Intuitive Arithmetik, also die natürlichen Zahlen, sprich unsere zehn Finger, und die Formale Arithmetik, die logischen Regeln, um die Metaformale Arithmetik – die Arithmetik kann über sich selbst sprechen.

Gödels Unvollständigkeitssatz ist zugleich Bestandteil der Objektsprache und Bestandteil der Metasprache und widerlegte so Wittgensteins Prinzip, die Grenzen der Sprache seien die Grenzen der Welt. Gödel sah, dass die Tragfähigkeit der Sprache im Sinne formaler Beweisbarkeit ungenügend ist. Die mathematische Welt ist, nach Gödel, vielfältiger und in diesem Sinne stärker als die mathematische Sprache. Die Sprache ist manchmal präziser als das Denken, jedoch zugleich schwächer in dem Sinn, dass ihre Syntax nicht alle Modellvorstellungen nachzuvollziehen gestattet. Das, was bewiesen werden kann in und mit der Sprache, ist weniger als die Wahrheitsfähigkeit des Denkens. Und das wiederum ist weniger und also schwächer als das, was in der Welt möglich ist.

Was die Literatur mit dem Gödelschen Theorem gemeinsam hat, also wo eine Analogie möglich scheint, ist die Verwendung von Metasprache und Objektsprache im Text. Nur eben – unsere Objektsprache besteht ja nicht nur aus Grammatik und Semantik, vereinfacht ausgedrückt, sondern sie ist selbst ein Kulturprodukt mit vielen Metaelementen aus Literatur, Ideologie, Religion, Wissenschaft,Technik,Technologie und anderen mehr. Und die Metasprache ist nicht nur Metasprache in bezug auf die ohnehin schon vieldimensionale Objektsprache, sie ist Metasprache vor allem in bezug auf die Literatur selbst, weil sie sich vor allem auf die Literatur bezieht, ja beziehen muss. 

godel

Kurt Gödel wurde am  28. April 1906 in Brünn (tschechisch: Brno), damals Österreich-Ungarn, heuteTschechien, geboren. Seine Eltern waren Marianne (geb. Handschuh) und Rudolf August Gödel. Sein Vater war ein zu Wohlstand gelangter Textilunternehmer. 1923 nahm Gödel die österreichische Staatsbürgerschaft an, 1924 begann er an der Universität Wien theoretische Physik zu studieren. Er nahm an den Treffen des von Moritz Schlick gegründeten Wiener Kreises teil.1930 Dissertation Über die Vollständigkeit des Logikkalküls, 1931Über formal unentscheidbare Sätze der Principia Matematica und verwandter Systeme. 1938 Heirat mit der Kabaretttänzerin Adele Porkert.1939 über Sibirien und Schanghai in die USA, wo er in Princeton am Institute for Advanced Studies lebte und lehrte. Freundschaft mit Albert Einstein. 1948 amerikanischer Staatsbürger. Keine Reisen. Stirbt 1978 in Princeton. Gödel war Mathematiker und einer der bedeutendsten Logiker des 20. Jahrhunderts.

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Monika Rinck,  Ah, das Love-Ding!

Fremde Sprachen können enorm erleichternd sein, wenn es um diese besondere Form des Austauschs geht. Lass es eine Sprache sein, die für beide eine fremde ist, Francais in Schräglage, shabby Spanisch, broken English, your Polish needs polish, my dear, oder eine    ganz andere Mischung; die wir mit Erlaubnis der Dings, ihres Freunds und des jungen Dozenten Ottersprache nennen möchten: I bin thinking baute you. Sur la chaisepopaise. Tisse belt. You has spoilted me. I was pure bevor. Und ich sage: Pjurr, like in pjurr alkoholico? Und er sagt: No, puro, like in puro católico. Das alles in Worten, die undurchsichtig sind und unvordenklich albern. Zo zamm Zings you have to say in Ottersprache, atterweis impossibel, you know, ditt is wie othering the otter, odärr witsche wärrsa.

  Ja, sagt Veronika, wenn du so weitermachst, hast du dich bald auf das schmale Brett von Sprache als Mittel zur Missverständigung runtergeschrieben. Ja, aber von Angst befreit. Weißte Veronika, Fremdheit und die Vermittlung der Scham, als würde man die Sprache nicht können und dennoch nicht aufhören zu fragen. So. Verstehst du? Sprache als Zweitsprache und als Quell von Peinlichkeit, von zu überwindender Fremdheit, und die erste Sprache und ihre dazugehörige Ichgeschichte bliebe erst mal liegen. Aufladung des Unbestimmten, Entledigung, Infantilität? Ja, aber nur ausnahmsweise. Denn wenn Fremdheit auch in die Sprache eingezogen sei, wenn Sprache in seliger Polyphonie ihren materiellen, spielerischen Gehalt enthülle, könne sich die Unsicherheit der Situation in ihr wiegen wie in einer Schaukel. Ein Übergreifen der Situation, nein, keine Entmündigung.

aus: Monika Rinck, Ah, das Love-Ding! Kookbooks 2006, Idstein. S. 47-48

Monika Rinck, geboren 1969 in Zweibrücken, Rheinland-Pfalz. Studium der Religionswissenschaft, Geschichte und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Bochum, Berlin und Yale. Lebt als Autorin in Berlin, profilierte Vertreterin der neuen Berliner Lyrikszene. Schreibt auch zwischen den Genres, etwa „Begriffsstudio 1996-2001“, Edition Sutstein 2001, www.begriffsstudio.de. Zuletzt: „Ah, das Love-Ding!“, Kookbooks 2006. „zum fernbleiben der umarmung. gedichte“ Kookbooks 2007.

monika

Liesl Ujvary, Kommentar zu Monika Rinck
 
Wahlverwandtschaften 2006. Jede Zeit hat ihre eigene Art, über diese Dinge zu sprechen – Goethe hat es in den Wahlverwandtschaften exemplarisch vorgeführt, Freud kleidete seine Sexualtheorie in die Metaphorik hydraulischer Maschinen, später musste die Chemie stimmen und es gab vibrations. Monika Rinck bearbeitet das semantische Feld des Begriffs „Liebe“ auf höchst eigenartige und eigenständige Weise. Ihr Buch ist in einer Essay-Reihe 
erschienen, aber ist es ein Essay? Eher ein „Text“, der viele Sprachspiele in sich vereint: luzides Beziehungsgebrabbel, philosophische Exkurse, modischen Slang, raffinierte Dialekteinschübe und respektloses fremdsprachiges Zitieren – manchmal ironisch distanziert, manchmal ganz ungeniert und offen persönlich. In kurzen Abschnitten wird ein Thema, eine Situation, eine Phantasie entworfen, aber daraus entwickelt sich nicht etwa die Narration von sowas wie einer Liebesgeschichte, schnipp schnapp wird es sprachlich zurechtgestutzt und fertiggemacht. Hier werden keine langen Holzwege betreten, hier fällt man auf die Nase und steht gleich wieder auf und macht weiter oder probiert etwas Neues. Wobei der Text selber nie ausrutscht, vielmehr ein extrem geschickt und feinfühlig zusammengefügtes sprachliches Mischmasch zum Thema präsentiert. Schullektüre!

(15) 

Sabine Scho, 2 Gedichte aus „Wahre Farben“

atomic tangerine

eine tür, was für ein gebrauch
ein schloß, scharnier, kragen-
stäbchen, damit misst man
stahlzargen aus, beton, akten
und, ja, akten. »so machen wir
das licht aus«, auf stapeln von
papier, aber grauen ist doch auch
eine farbe, betont sachlich mit dem
besenstiel, beinahe wie zuhaus, nur

höher, der dritte teil des karma-
spiels fiel aus, ’no alarms and
no surprises‘, ein korridor, was
für ein schlauch, pizza aus der
plätzchendose, und da draußen
wird es immer weißer, an weih-
nachten, heißt es, sei das so brauch
glitzerzäune, ein letztes umschlussbier
but, please, couldn’t you ‚let me out of here‘

glacier

hartschaum, zerkaute
icegumfelder, bricolage
in curaçao, der umge-
kippte saft, das wilde
gefrieren passiert pro-
blemlos die blut-hirn-
schranke, eros und
schmelze, squeeze
serotonin, klebt wie
hulle, i mean, warum
ziehst du nicht einfach
leine, empty a bottle
and feel a bit freeze
gefäßverengender
wird es nicht mehr

aus: Sabine Scho, Wahre Farben, Gedichte. Seit 2006 veröffentlicht im ‚forum der 13’, http://www.forum-der-13.de/

Sabine Scho, geboren 1970 in Ochtrup/Nordrhein-Westfalen, studierte Germanistik und Philosophie in Münster. Publikationen u.a.:Thomas Kling entdeckt Sabine Scho, Album. Gedichte und Fotos, Europa Verlag, Hamburg 2001. Leonce-und-Lena-Preis 2001. Zahlreiche Beiträge in Anthologien. Übersetzungen aus dem Englischen. Lebte in Hamburg, seit 2006 in Sao Paolo, Brasilien. Gedichte, Texte und Fotos laufend im ‚forum der 13’.

sabinescho

Liesl Ujvary, Kommentar zu Sabine Scho
Gleich vorweg – ich kann nicht begründen, warum ein gutes Gedicht ein gutes Gedicht ist. Sabine Schos Gedichte „Wahre Farben“ sind besondere sprachliche Kunstwerke – man betritt sie wie einen Bau, aber nicht wie ein bürgerliches Wohnhaus aus Ziegeln, mit rechten Winkeln, gleichmässigem Lichteinfall aus hohen Fenstern, einem mit Geländer gesicherten Treppenhaus und beschrifteten Türen in übereinander liegenden Stockwerken. Diese Kunstwerke bilden keine moderne Zivilgesellschaft und keine euklidische Realität ab, unvermutete Ecken und Winkel behindern das Betreten – Verengungen, Dunkelheit oder grelles Licht täuschen das Auge, Stufen, plötzliche Hürden machen die fortschreitende Lektüre zu einem Abenteuer, das höchste Wachsamkeit erfordert aber auch mit abrupt aufblitzender Schönheit erfreut. Und auch die Materialien sind unüblich, die Metaphern sind nicht glatt und plan, sie sind spitz und scharf, extremer Zeilenbruch, Anglizismen, oder organisch, nachgiebig, glitschig. Binnenreime präsentieren unerwartete Querverbindungen. Hier finden Operationen statt, Skalpelle werden benutzt, es geht um die Haut oder ums Fell, Vereisungen müssen vorgenommen werden. Die sprachlichen Bausteine suggerieren extreme Sinnlichkeit in einem wilden, inkohärenten Kontinuum ohne durchgängige Logik, ohne Sicherheiten. Hier herrscht Krieg, Zartheit, Verlockung, Schärfe. Gemessen an den Ansprüchen, die wir an unsere Lebenswirklichkeit zu stellen gewohnt sind, ist die Realität dieser Gedichte rücksichtslos, unangemessen, wahr. Es sind kompromisslose poetische Lehrstücke, ganz up to date und total lebendig.

(16) 

herbert j. wimmer, der zeitpfeil

cut dreissig
sechster november
bellina carmer / arnold ando
funkhauskantine
regressive mittagspause

wieder mal hat ando carmer zum mittagessen abholen dürfen, eines der zweidreimal im jahr klappt die innersinnliche wahrnehmung und er ruft genau dann an, wann sie angerufen werden will. mit den üblichen zeitungen im arm stapft der alte freund den korridor zu ihrem zimmerchen entlang. der redakteur der sekretärin ist auf einer dienstreise, die lästige freundlichkeit interesseloser begrüssungsfrenetik darf also entfallen. sowas von timing, freut sich bellina. nach dem quickie treibt sie der hunger in die schütter besetzte kantine. urlaubszeit. (…)

carmers blick rutscht gewohnheitsmässig über den zeitungsrand hinaus und folgt den bewegungen des abräumenden kantinenpersonals, während ihre gedanken in die permanente redaktionskonferenz zurückkehren, die in einem winkel ihres gehirns aktiv ist, jetzt beobachtet sie sich beim geben einer antwort, die ihr bei früherer gelegenheit, zum richtigen timing, nicht eingefallen ist. jetztwird die erinnerung an den tatsächlichen ablauf der situation von ihrem bewusstsein wahrgenommen als konstruktion, die mit der konstruktion der redigierten erinnerung in einer oszillationsbeziehung des über- und ineinanderlegens, des verschränkens steht. langsam kehrt sich das ausflutschen aus dem text um und wird zu einem zurückfallen in den artikel, jetzt unterlegt vom gefühl der verwunderung, dass sie noch nie darüber nachdachte, ab welcher textmenge und in welchem rhythmus sie dazu neigt, lesevorgänge vorübergehend abzubrechen. warm und ausgeschüttelt, von unnötiger kohlensäure befreit, dümpelt das alkalisch säuerliche mineralwasser im glas, vereinzelte bläschen.

aus: der zeitpfeil, S. 157 – 159. Sonderzahl, Wien 2003.

Herbert J. Wimmer, geboren 1951 in Melk, Niederösterreich. Lebt als Schriftsteller in Wien. Arbeiten für den Rundfunk, literatur- und filmkritische Schriften, fotografische Arbeiten. Schreibt Prosa. Letzte Publikationen: das offene schloss, ambivalenz roman, 1998. der zeitpfeil, 2003, beide bei Sonderzahl, Wien. trouvaillen, poetische folgen, verlag der pudel, Wien 2006.

wimmer

Liesl Ujvary: Kommentar zu Herbert Wimmer

Herbert Wimmers schriftstellerische Leistung könnte man auch als „schwimmen im permanenten textfluss“ beschreiben. Der Roman ZEITPFEIL spielt in der „kleinen weltstadt“ Wien, aber auch in Rom, Berlin und Chicago, doch sind die Orte geographisch nicht so leicht lokalisierbar, es ist eher eine mediale Grossstadt mit einem ‚café interface’, einem ‚espresso schnittstelle’ und einem ‚gasthaus zeitner’. Jeder Abschnitt des Romans, cut genannt, spielt an einem 6. November, aber welchen Jahres? Ist es ein Film, ein Puzzle, eine Spielanordnung, in und mit denen die Figuren arnold ando, anita berg, martha binder, philipp blickfeld, bellina carmer, tobias haslaur, ronnie mang, peter merdan und eva schütte interagieren? Die Personen sind z.T. verwandt oder stehen in unterschiedlichen Beziehungen zueinander, dennoch ist ZEITPFEIL weit davon entfernt, eine Familienchronik, ein Beziehungsdrama oder eine Vergangenheits-Betroffenheits-Geschichte zu sein – nichts von alledem und doch auch wieder schon, denn solche Bereiche spielen mit und herein in diese allgemeine Feldtheorie, an der Herbert Wimmer ungerührt arbeitet, indem er “Realität“ und „Modelle von Realität“ dazu verwendet, über „Realität“ und „Modelle von Realität“ zu reflektieren.„ZEITPFEIL ist der Roman der Schnittstellen von Physik und Psychologie, von Naturwissenschaft und (Inter)-Subjektivität, von Intellekt und Emotion, also ein Roman der produktiven Paradoxien. Das Puzzle des Lebens wird zur endlos sich öffnenden Spielanordnung“, so der Autor im Klappentext über sein Buch. Hätten wir mehr solche Autoren, die Erzählen als komplexen Vorgang begreifen und nicht als ewige Wiederkehr eines sich selbst reproduzierenden Mainstreams, wäre unsere Literatur farbiger, intelligenter, witziger, spielerischer, freier.

(17) 

„zu Conlon Nancarrow“ 

Conlon Nancarrow gilt als Pionier der elektronischen Musik, obwohl er nie elektronische Musik komponierte. Nancarrow schrieb seine Musik für das Player Piano oder Selbstspielklavier, in Deutschland auch Pianola genannt. Player Pianos wurden zu Beginn des 20. Jhds. zu Hunderttausenden hergestellt, Nancarrows Eltern besassen eines und auch die fesche Lola alias Marlene Dietrich hatte ein Pianola in ihrem Salon stehen.

Das Player Piano ist eine Konstruktion, die einen Flügel mittels Gebläse und Vakuumtechnik bespielt, Noten und Spielanweisungen werden nach Lochkartenmanier in grosse Papierrollen gestanzt. Im bürgerlichen Salon spielte das Player Piano gängige Melodien, es verfügt jedoch über technische Möglichkeiten, die kein noch so perfekter Pianist mit seinen zehn Fingern erreichen kann. Nancarrow erkannte das metrische und rhythmische Potential des Player Pianos – komplizierteste Rhythmen und Metren können mit absoluter Präzision wiedergegeben werden, ebenso kontinuierliche Tempo- und Dynamikänderungen. Nancarrow reizte das Instrument voll aus – Klangfülle, Originalität und musikalischer Ideenreichtum seiner Kompositionen sind einzigartig in der modernen Musik. Ligeti meinte: „Nancarrow verkörpert die Synthese amerikanischer Tradition mit der Polyphonie Bachs und der Eleganz Strawinskys – mehr noch: Er ist der bedeutendste Komponist der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts.“ Nancarrow sagte über sich: „Ich schreibe einfach Musikstücke. Und es passiert einfach, dass viele davon unspielbar sind. Ich bin keineswegs darauf versessen, Dinge unspielbar zu machen. Einige wenige meiner Stücke könnten sogar ganz leicht gespielt werden, einige wenige. Tatsächlich könnte die Study No. 26, Kanon 1/1, mit einer Orgel, einem Orchester oder wie auch immer gespielt werden.“ Auf den Einwurf eines Kritikers, „… his soul is in the machine“, antwortete Nancarrow: „Das ist eine eigenartige Art, es auszudrücken, aber es ist grundsätzlich richtig.“ Den rasanten Rhythmen und metrischen Verschränkungen der Nancarrowschen Polyphonie erweist sich nur das Player Piano, manchmal auch als Double Player Piano, so richtig gewachsen.

Nancarrow vor Mozarts Geburtshaus 1989

play > “begegnungen mit conlon nancarrow”, 2002 WERGO, LC 00846, T 5982.
track 15, Study for two Player Pianos No. 40 b, 4.21 min.
http://ujvary.mur.at/nancarrow.html

nancarrow

Samuel Conlon Nancarrow wurde1912 in Texarkana, Arkansas, USA geboren.
Musikstudium, Trompete, in Michigan, Cincinnati und Boston. 1933 Eintritt in die kommunistische Partei. Spielt als Trompeter in verschiedenen Kapellen, u.a. in einer Schiffskapelle und reist nach Europa. Besucht London, Paris und Wien. Kämpft 1937 im Spanischen Bürgerkrieg gegen Franco. 1940 Emigration nach Mexiko aus politischen Gründen. Lebt zurückgezogen in Mexiko City und komponiert für Player Piano. In den frühen siebziger Jahren Besuche von James Tenney, Aaron Copland und John Cage. Ab 1980 Bekanntschaft mit György Ligeti, der ihn überall in Europa empfiehlt und bekannt macht. Viele Einladungen, u.a. 1982 zum Steirischen Herbst mit einem Kompositionsauftrag, 1989 bei „Töne Gegentöne“ in Wien. Diverse Ehrungen in Europa und in USA. Stirbt 1997 in Mexiko City.

 

(18)

Johannes Jansen, Im Durchgang. Absichten

Wie leicht ist es gegen Feinde zu kämpfen, die man nicht kennt. Doch kennt man sie, hat das Kämpfen ein Ende. Durch auffälliges Verhalten erreicht man gar nichts, das ist bekannt und kennt man erstmal die Feinde, ist man mit ihnen derart gemein wie mit denen die sonst noch so da sind, schlicht gesagt: höflich, und jede Finte die den Kampf nur noch simuliert ist möglicherweise ein verkappter Selbstmordversuch, was Hohn spricht der Möglichkeit  einer gemeinsamen Ordnung. Nicht wahr, lieber Nachbar? Hast du nicht auch eine Sehnsucht nach einem Hinterher auf dem Boden, der Erde genannt wird? Wer hat uns nur derart verschaukelt, dass wir ständig glauben, lachen zu müssen, obwohl doch die Tränen ganz dicht hinterm Blick stehen? Diese tatsächlich erfüllbare Sehnsucht nach Normalität, nach zwistfreiem Handeln, nach Alltag ganz so wie erdacht und in einigen Fällen auch durchgeführt wie Maßnahmen, die von weit her bestimmt sind. Zufälle, die heimlich als Offenbarungen gelten und einen Rhythmus bringen in das, was die Fachleute Existenz zu nennen pflegen und was im allgemeinen problematisch genannt wird, ohne dass man daran gleich verzweifelt. So lernt man träumen und träumt, und wenn man dann doch etwas zweifelt sinds höchstens die Füße, die kalt sind.
aus: Im Durchgang. Absichten, 2006. Unveröffentlichtes Manuskript

Johannes Jansen, geboren 1966 in Ostberlin, Lehre als Graveur und Studium der Gebrauchsgraphik. Wehrdienst bei der Nationalen Volksarmee. Für „Dickicht. Anpassung“ Preis des Landes Kärnten beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 1996. Ehrengabe der Deutschen Schiller-Stiftung 1997. Lebt als freier Schriftsteller in Berlin.
Veröffentlichungen, Auswahl: Kleines Dickicht, Roman (2000, Ritter). Verfeinerung der Einzelheiten (2001, Suhrkamp). Dickicht Anpassung, Roman (2002, Ritter). Halbschlaf (2004, Suhrkamp). Bollwerk, Vermutungen (2006, kookbooks). Atemholen, immerhin ( 2007, Karin Kramer Verlag).

jansen

Liesl Ujvary, Kommentar zu Johannes Jansen
Johannes Jansen schreibt über sein Leben. Er schreibt keine Romane, er schreibt keine Gedichte, er schreibt Prosa. Immer von neuem entwirft er ein Netz von Signifikanten und spannt es über das Leben, die Existenz, über Morgen und Abend, über seine diversen Schwierigkeiten und Hoffnungen. Johannes Jansen ist ein Kind der DDR und des Prenzlauer Bergs, die Prägungen der realsozialistischen Lebenswelt sind mit den Prägungen eines im kapitalistischen Westberlin aufgewachsenen Jungkünstlers nicht deckungsgleich. Wenn Jansen seine Signifikantennetze auswirft, wird die Brüchigkeit dieser sprachlichen Tätigkeit bald deutlich – vieles will nicht passen. Die gesellschaftlichen Angebote, die Art in der Menschen mit diesen Angeboten umgehen, die Bedürfnisse des Einzelnen und wie sie plaziert werden können – alles wird in höchst fragile Zusammenhänge gebracht. „Wie hängen die Bilder zusammen? Wie können sie Welt bilden in einem als gültig erkannten Moment? Wir sind vertieft in ein Gespräch über Sinnlast. Vielleicht sind wir krank.“ Tja. Johannes Jansen hat 2004 ein Buch über seinen zweijährigen Dienst bei der Nationalen Volksarmee 1985 – 87 herausgegeben, er diente als motorisierter Schütze, Motschütze, bei einem Panzerregiment, Titel „Liebling, mach Lack“. „Mach Lack“ heisst einerseits „Geld“, hier im Militärjargon soviel wie „Beeilung“. Das Buch ist sorgfältig ediert als Faksimile-Band bei kookbooks erschienen. Jansen wurde damals in Haft genommen, seine Aufzeichnungen beschlagnahmt. Das sind lauter Details, Momente seines Lebens, die Jansen einzuarbeiten versucht in das Signifikantensystem seiner Prosa. Interessant, wenn es gelingt. Auch interessant, wenn es nicht gelingt.

(19) 

Katharina Schultens, Gedichte

unter der voraussetzung, man entfernte den schutz

gäbe es zwei möglichkeiten für den regen
am ende jedes fadens eine stecknadel
pinnte er mich eng an die matratze
steckte dann aber selber schon fest
der himmel wäre sozusagen indirekt
an mein bett gebunden jede drehung
die sternenschale unternehmen wollte
müßte sie zunächst bei mir beantragen
das wären langwierige verfahren da jede
einzelfeder durchlaufen werden muss
bevor ich mich innerhalb eines gefüges
aus metall draht schaumstoff – holz oder
kunst entscheide an der welt zu drehen

dächte man den regen hingegen etwas stärker
in strängen vielleicht tragfähig als struktur
wären es angelhaken an jedem ende
nur ganz vorsichtig stäken sie durch
baumwolle & epidermis höben zunächst
die äußre schale in richtung sterne (jaja
schon gut: war nicht zu umgehen darling
transzendenz) & in dieser dehnung ähnlich
der von trauer wenn eine akkordkombination
sie auseinanderstieben läßt wie einen schwarm –
wäre die welt ohnehin enthalten jede drehung
längst geschehen das regenstranggewirr wäre
mein skalp – die schale eine kopfhaut & der Körper –

endlich einmal konstruktiv am denkprozeß beteiligt

Katharina Schultens, geboren 1980 in Kirchen an der Sieg, Rheinland-Pfalz, aufgewachsen in Betzdorf, Studium im Hildesheim (Kreatives Schreiben, Kulturjournalismus). Auslandsaufenthalte in St. Louis, USA, und Bologna, Italien. Seit 2005 in Berlin, Arbeit als Referentin im Wissenschaftmanagement. Gedichtband „Aufbrüche“ 2004 im Rhein-Mosel Verlag. Publikationen in Bella Triste, forum der 13, Intendenzen.

 katharina_schultens

Liesl Ujvary, Kommentar

„es geht grade immer um flexible sortierung, um eine bewegung, die sich entzieht. also diese holzkästen, in die man einsortieren konnte, nur eben sind jetzt die wände durchlässig und die glitzerdinger beweglich. sowas wie rudel gut erzogener libellen, die keinen krach machen, aber einmal quer durch die struktur fliegen.“ so beschreibt katharina schultens die anlage eines gedichts. in der poetischen narration entfaltet sich ein flexibler raum,körperbezogen, geprägt von ganz unterschiedlichen ordnungen, durchwirkt von prozessen grob physikalischer bis subtil informatorischer natur. das ist keine gedankenlyrik. was hier stattfindet, ist exzellentes parallel processing. diese gedichte liefern verschränkungen traditioneller metaphorischer (natur-)gesten, multipler technoider projektionsflächen mit diversem alltagsinventar, wobei alles in grosser spannung gehalten bleibt. mannigfaltige metaebenen berühren, überschneiden, infiltrieren sich gegenseitig – nicht nur sprachlich, auch in symbolischer aktion. hier spürt man aktualität & gegenwart: das fliessen, das stolpern, die verletzungen, der ständige druck. „was ich kann“, schreibt katharina schultens über ihre arbeit: „ich kann verträge aushandeln, ich kann in matrixstrukturen denken, ich kann ein projekt koordinieren, ich kann wasserdichte protokolle schreiben und bösartig höfliche briefe,ich kann unkooperative menschen in einem meeting versöhnen, ich kann ein projekt re/präsentieren, ich kann über die bande spielen, ich kann mich durch ein paragraphenwerk wühlen und ihnen eine lösung präsentieren …“dieses ihr können findet auch in den gedichten einen präzisen adäquaten ausdruck.

(20) 

Gundi Feyrer, aus: BILDERWASSER 

Und loderndes, anderes Leuchten: ich zweifle daran, ob ich überhaupt existiere (sicher, denn, nehme ich ein Glas in die Hand, fällt es nicht herunter, sondern bleibt wackelnd in der Luft stehen. Gäbe es mich nicht, würde man sagen, es schwebe).

Kein wirkliches oder „wahres Ich“ sondern viele, alle; täuschend und springend, vom einen zum anderen. Von einer Person zur anderen schwimmen, mit einer Person zu anderen schwimmen; Ablehnung oder einfach Unfähigkeit, Maske oder Person oder gar Persönlichkeit zu zeigen, auftreten zu lassen.
Oder nicht einmal den Mut dazu, denn der müsste eine Grundlage haben, irgendetwas, von dem er sich zumindest abstoßen kann: das kann ich ihm nicht bieten.
Oder aber: ich könnte den Mut aus dem Nichts hervortreiben, aus dem Wort „nichts“, das ja doch zumindestens aus ein paar Buchstaben besteht, und diesen Ungrund in die Luft hineinbauen: fliegen, abstürzen, sich in die Lüfte erheben, um auf dem Abschuß dieses Wortes zu reiten wie Münchhausen auf seiner Kanonenkugel. Mut als Impuls, Ausgedachtes, das sich den Mantel einer Kraft umlegt. Sich voller Mut vorwärtsstürzen, nichts als Impuls selber sein, kann auch Dummheit heißen. Eben: mit geschlossenen Augen handeln, um nicht immer nachdenken zu müssen.

Man müsste alles beschreiben, fand sie.
Und dann begann sie, während des Fahrradfahrens all die tropfenden und flüssigen Zeichen auf vorüberfliegende Autos, Häuser, Hunde und Gräser zu schreiben. Fuhr sie am nächsten Tag zurück, waren meistens die Zeichen dann nur noch blaß zu sehen, sendeten aber dafür ein angenehmes und säuselndes Geräusch aus. Die Zeichen, die auf den Wegen dieses Geräusches auf sie heruntertropften, schrieb sie auch auf, wobei sie sie dicker zeichnen mußte, um die vom Vortag blaßgewordenen zu überschreiben. So schaffte sie, die Unentschlossenheit, sich Wände und Tunnel, überzog damit ganze Städte und Länder und wußte so immer, wo sie war.

„Selbstporträt als Schriftstellerin mit achtbeinigem Tisch“

Gundi Feyrer, geb. 1956 in Heilbronn, lebt in Córdoba, Spanien. Kunst-Studium bei Franz-Erhardt Walther, Gerhard Rühm und Tomas Schmit, seither Ausstellungen von Buchobjekten, Multiples, Zeichnungen, Zeichentrickfilme, Video, Theaterstücke, Hörspiele sowie Übersetzungen aus dem Englischen, Französischen und Spanischen.
Zuletzt publiziert: Die Besteigung der Bilder und andere Essays, Stuttgart (Ed. Hans-Jörg Meyer) und London (egdeware press) 1998; Die Fremde, Klagenfurt und Wien (Ritter) 2002. Die Wolldecke, Wien (Passagen) 2008.

gundi-feyrer-selbstportrait-copyright-gundi-feyrer

liesl ujvary, kommentar
der text, den gundi feyrer in form von worten, zeichnungen, plastiken, filmen oder hörspielen liefert, manifestiert sich uns immer als textur, als poetisches und poetologisches gewebe, das sich und sein tun selber betrachtet, seinen wahrnehmungsfluss beobachtend reflektiert. dieses tun findet einerseits ganz direkt in der bildproduktion statt, andererseits hat es eben diese immer im blick und hält diesen schwebezustand, sozusagen auf messers schneide, in aller intensität parat. der leserin dem leser wird ein prosa-konstrukt geboten, in dem und mit dem man sich in einem wahrnehmungskontinuum bewegen kann – schweben, fliegen, schwimmen, radeln, alle fortbewegungsarten sind erlaubt – das zwar gundi feyrers kontinuum ist, von ihren mediterranen & sonstigen vorlieben geprägt, in dem wir uns aber voller freude ganz leicht zurechtfinden, verführt von vielen feinen metaphern … und, nun ja, im lauf der lektüre vielleicht dazu verführt werden, die stimmungen und verläufe unseres direkt nebenan existierenden eigenen kontinuums sichtbar, fühlbar, erlebbar – sagen wir, etwas leichter erlebbar werden zu lassen.

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Florian Neuner aus: „Dérive I: Stahlhausen, Goldhamme“

Siedlung Stahlhausen. Die Stahlhauser Straße läuft auf eine Backsteinmauer zu. Durchblicke, die an Bullaugen gemahnen, lassen auf eine riesige Brachfläche blicken. Das Industriegelände ist abgeräumt, an der Mauer, der eine Siedlung mit akkurat gemähten Rasenflächen zwischen den Wohnhäusern gegenüberliegt, wucherndes Unkraut. 793 Stahlhausen. Was bedeutet die Zahl?

Obere Stahlindustrie. Am ehemaligen Tor 3 ein aufgegebenes Gebäude, Torhaus, dessen Fenster mit Holzplatten vernagelt sind. Dann eine Belehrung über die Siedlung Stahlhausen: vom Bochumer Verein ab 1866 errichtet, drei verschiedene Haustypen mit Kreuzgrundriß (Mühlhausener Typ), im letzten Krieg zerstört das Kost- & Logierhaus für 1500 Arbeiter. In der Baarestraße eine Friedenskirche & eine Akademie für Kampfkunst & Gesundheit. Weiters wird Louis Baare gedacht, der von 1854–95 Generaldirektor des Bochumer Vereins für Bergbau & Gußstahlfabrikation war, aber auch ein Wirtschafts- & Sozialpolitiker & dessen Denkmal im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde zusammen mit größeren Teilen der Siedlung. Das kann der Passant, so er alphabetisiert & interessiert ist, hier lesen, en passant. Auf der Straße in Stahlhausen. Lesen kann man auch die Forderung: Rüttgers verpiß dich!! Joyce on tour. Jetzt gerade allerdings nicht, denn das Auto mit dem Hundeaufkleber steht geparkt. In Stahlhausen. Im Hochbunker am Springerplatz Bodos Bunker Basar sowie die Bastion, in der sich u.a. Bochums kleinstes Kino befindet, no budget. Am anderen Ende des langgestreckten Platzes steht Hexenkessel über den Toiletteneingängen eines pavillonartigen Gebäudes. Wenn man weitergeht, das Gebäude umrundet & von der Vorderseite betrachtet, dann wird klar, daß es sich um den Namen eines Imbisses handelt: griechische & deutsche Spezialitäten. Aufschwung für alle! Für Mindestlöhne! Leere Versprechungen am Springerplatz. (Sie täuschen sich in allem & können nur noch Lügen faseln. Wie hat die Produktionsweise ihnen doch übel mitgespielt!) In der Kneipe Am Springerplatz wird geraucht, & zwar offensiv & als Protest gegen alle Rauchverbotspläne, die man hier fürchtet. Dafür steht die Wirtin gerade. Denn die Erde bebt. Es ist zu spät oder so ähnlich. Oder es ist nie zu spät. Der Junge im Muskelshirt ist ein ungewöhnlich junger Kneipenbesucher, wenn er nicht zum Haus gehört. In dem die Farbe orange dominiert. Orange sind die Vorhänge, aber auch bei den Kunstblumen ist diese Farbe dominant. Ein Gast trägt ein oranges T-Shirt, & habe ich nicht draußen, am Springerplatz vorhin ein Metallteil im Gras liegen gesehen, ein Kunstwerk möglicherweise, das auch in so einem merkwürdigen, knalligen Orange gestrichen war? Ich glaube ja & höre in diesem Moment, daß irgend jemand den Verstand verloren haben soll oder so ähnlich. Wann wird alles, wie es war? Artikuliert sich eine rückwärtsgewandte Utopie.

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veröffentlicht in IDIOME Nr. 1, Wien 2007, aus Florian Neuners „Ruhrtext-Projekt“.

Florian Neuner, geboren 1972 in Wels, Oberösterreich. Lebt als Schriftsteller und Journalist in Berlin und Bochum. „china daily“, prosa, kleine idiomatische reihe, wien 2006, „zitat ende“, ritter verlag, klagenfurt wien, 2007.

FlorianNeuner

Liesl Ujvary, Kommentar

„Geht es um Imagination oder um so genannte Fakten?“, fragt Florian Neuner an anderer Stelle in seinem Text „Dérive I: Stahlhausen, Goldhamme“ und man ist versucht zu antworten, natürlich um beides. Neuner hat es sich in seinem „Ruhrtext-Projekt“ zur Aufgabe gemacht, das Ruhrgebiet – diese riesige Industriebrache – in seiner gegenwärtigen desolaten Erscheinungsform und seiner überall spürbaren heroischen Vergangenheit, als eines der fortschrittlichsten Industriegebiete Europas, zu dokumentieren. In einem Gestus teilnehmender Beobachtung durchstreift er die Strassenzüge, Kneipen und Bibliotheken der Region und bietet uns ein sprachlich exaktes und detailliertes Abbild der Wirklichkeit, wie sie sich ihm darbietet. Seine Schilderungen sind durchaus auch gefühlvoll und mit gesellschaftskritischen Zwischenrufen versehen, ohne je ideologisch zu erstarren. Verwahrlost sind ja im Ruhrgebiet nicht nur die riesigen stillgelegten Zechen und Industrieanlagen, nicht nur die Fassaden der Häuser, verwahrlost und heruntergekommen sind auch die Perspektiven der Bewohner. Und niemand spricht darüber. Florian Neuners dokumentarische Prosa entwirft etwas, was vor ihm keiner so intensiv und beharrlich probiert hat: Das exemplarische Porträt einer für Deutschland früher massgeblichen Industrielandschaft samt ihrem menschlichem Inventar, die heute beide nicht mehr gebraucht werden.

(22)

Hanno Millesi „Oft sitze ich stundenlang vor dem Spiegel und denke über mein Aussehen nach“

Vor einiger Zeit habe ich eine furchtbare Entdeckung gemacht: Ich werde meinen Eltern immer ähnlicher. Unsere Nachbarin hat einen dahingehenden Verdacht bestätigt. Ihren Worten zufolge ist es allmählich unübersehbar, dass mein Gesicht von den gleichen auffällig hohen Backenknochen dominiert wird wie das meines Vaters. Was in ihren Augen zu den Charakteristika seines Gesichts zählt, zeichnet sich mittlerweile auch bei mir ab. Ich habe keinen Grund, ihren Worten zu misstrauen, schließlich geht es ihr nicht darum, mich zu verhöhnen.

Damit nicht genug: Meine dunklen, von Jahr zu Jahr stärker hervortretenden Augen offenbaren, glaubt man unserer Nachbarin, immer unverhohlener ihre Verwandtschaft mit den Augen meiner Mutter. Sie offenbaren diese Verwandtschaft, machen also ersichtlich, was besser verborgen geblieben wäre. (…)

Seit dieser Entdeckung habe ich kaum eine ruhige Minute verbracht. Die meiste Zeit über sitze ich vor dem Spiegel und denke darüber nach, was ich gegen eine solche körperliche Entwicklung unternehmen könnte. Im schlimmsten Fall sehe ich demnächst wie eine verkleinerte, verjüngte Ausgabe meines Vaters aus. Das Ärgste daran ist, dass alles, was eines Tages an mir nicht wie an meinem Vater aussieht, nur aus einem einzigen Grund von seinem Vorbild abweicht: Weil es nach meiner Mutter gerät. Ich entwickle mich ausgerechnet zu einer Symbiose jener beiden Menschen, mit denen ich so wenig wie möglich zu tun haben möchte. (…)

Ich habe erst allmählich gelernt, abzulehnen, was Vater und Mutter vorschlagen. Um ehrlich zu sein, ahnte ich lange Zeit gar nicht, dass die Möglichkeit eines Widerspruches oder – sagen wir – einer Alternative existiert. Mittlerweile interessiert mich der Widerspruch mehr als alles andere. Er ist mir zum Kriterium geworden. Ich bemühe mich allerdings, meine Eltern nicht zu verletzen, verdanke ich ihnen doch nicht gerade wenig. Außerdem lag mir bislang nichts an der aufrührerischen Gebärde. Ich bin kein Protestierer. Ich habe lediglich Angst, so zu werden wie Vater und Mutter und sehe keinerlei Sinn darin, mit ihnen zu diskutieren. Stattdessen errichte ich innerlich eine unüberwindliche Barriere zwischen mir und allem, was von meinen Eltern kommt oder mit ihnen zu tun hat. Ich entscheide mich generell dagegen, sofern es sich um ihre Empfehlungen handelt. Aus keinem anderen Grund. Dessen ungeachtet verspüre ich seit jeher noch eine andere, eine zwar nicht fassbare, nichtsdestotrotz von meinen Eltern ausgehende Bedrohung. (…)

Zunächst hielt ich derartige Bedenken für sentimental, jetzt weiß ich, dass es mit meiner physischen Erscheinung zu tun hat. Die Natur revanchiert sich sozusagen für die großspurige Idee, eine zwischen meinen Eltern etablierte Sympathie in Form einer menschlichen Kreatur in die Welt zu setzen. Ein Denkmal, das charakteristische Züge von beiden aufweisen soll. (…)

Mit einer Maske vor dem Gesicht könnte ich nicht leben. Deswegen habe ich mich für einen operativen Eingriff entschieden. Mit einem scharfen Messer schneide ich mir ein Ohr ab. Zugegeben, dabei handelt es sich nicht gerade um einen raffinierten Eingriff, die dadurch hervorgerufene Asymmetrie wird allerdings dafür sorgen, dass keiner sich jemals wieder den Kopf darüber zerbricht, von wem ich die Nasenflügel übernommen habe und von wem das flache, ich möchte fast sagen fliehende Kinn stammt. Aufgrund des fehlenden Ohres gibt mein Anblick nunmehr ganz andere Rätsel auf.

Der scharfen Klinge habe ich einen weiteren Einfall zu verdanken. Ich verkleinere meine Augenbrauen, die – ganz in der Tradition meiner Familie mütterlicherseits – buschig gewachsen sind, auf die Größe zweier Diktatorenbärtchen. Mit dem Ergebnis bin ich zufrieden. Das Abschaben der Brauen hinterlässt zwar blutige Spuren, gibt meinem Gesicht allerdings ein derart befremdliches Aussehen, dass niemandem je wieder einfallen wird, sich zu fragen, von wem ich abstamme. Oder doch? Als nächstes kommt mir die Idee, meinen Nasenrücken der Länge nach aufzuschneiden. Kurzfristig entscheide ich mich aber dafür, meiner Nase durch das Einritzen einer Kerbe ihr eigenes Aussehen zu verleihen. Dieses Vorhaben misslingt. Der Gedanke, sie besser ganz abzunehmen, kommt spontan. Die Abwesenheit einer Nase mitten in meinem Gesicht beeinträchtigt meinen Anblick ungeheuer. Eigentlich kann kaum noch von einem menschlichen Gesicht gesprochen werden. Mein Aussehen wird von hemmungsloser Zerstörung und dem Fehlen der spezifischen Merkmale dort, wo man diese gemeinhin erwartet, beherrscht. Niemand wird es für sinnvoll erachten, meine Gesichtszüge mit denen von jemandem anderen zu vergleichen. Vielleicht mit menschlichen Wesen im Allgemeinen, mit Unfallopfern, mit jemandem, der von einer fürchterlichen Katastrophe heimgesucht wurde. Mit Bildern aus schlimmen Träumen, brutalen Fantasien. Das in Strömen aus den offenen Wunden fließende Blut hindert mich vorübergehend daran, weitere Veränderungen in meiner Gesichtslandschaft vorzunehmen. Stattdessen ziehe ich die Klinge über mein bis tief in die Stirn wachsendes Haar. Es hat immer geheißen, man erkenne alle, die mit meinem Vater verwandt sind, an ihrer tief herabreichenden Kopfbehaarung. Ich schabe das Haar mitsamt seinen Wurzeln von meinem Schädel herunter, um mir dadurch die Großzügigkeit einer Denkerstirn zu verschaffen. Dabei gehe ich keineswegs wie ein Friseur vor, der eine feine Klinge flüchtig über die Kopfhaut komplimentiert, sondern vielmehr wie ein Pathologe, der auf direktem Weg bis an den Schädelknochen vordringen möchte. Ich interessiere mich nicht für oberflächliche Kosmetik, sondern für tief greifende Veränderungen, für ein Austilgen aller Interpretationsmöglichkeiten, für eine fundamentale Stichhaltigkeit. Niemand wird die Geschmacklosigkeit besitzen, über Parallelen in der Behaarung zu spekulieren. Ich komme mir wie der Bildhauer meiner eigenen Zukunft vor. Ich arbeite nicht an einem Kostüm, sondern an einer Weltanschauung. Die bislang erreichten Ergebnisse stimulieren mich ungemein. Ich habe eine Idee nach der anderen. (…)

Zwangsläufig atme ich nur noch durch den Mund. Das ist gar nicht so einfach, da bei jedem Atemzug Unmengen von Blut in meinen Rachen dringen. Blut rinnt über mein Kinn und tropft Fäden ziehend auf meine Brust. Blut rinnt vom Haaransatz ausgehend über meine Stirnfalten. Blut gerät in meine Augen und zwingt mich, sie immer wieder zusammen zu kneifen. Blut tritt auch dort aus, wo zuvor meine Nase gewesen ist. Ein flüssiger roter Vorhang benetzt mein Gesicht und macht all jene Stellen unkenntlich, die ich noch keiner eingehenden Behandlung unterzogen habe. Das erfüllt mich mit einer gewissen Befriedigung. Obgleich meine Eltern, sobald sie mich hier sitzen sehen, alles Menschenmögliche unternehmen werden, um mein Weiterleben zu gewährleisten, dürfte es ihnen, trotz aller Anstrengung, selbst wenn sie die berühmtesten Virtuosen auf dem Gebiet der rekonstruktiven Chirurgie engagieren, nicht gelingen, mich jemals wieder ihrem Ebenbild anzupassen.

Gekürzte Fassung, aus: Wände aus Papier, Luftschacht Verlag, Wien 2007.

hanno millesi, geboren 1966 in wien, lebt in wien und berlin. studium der kunstgeschichte in wien. „im museum der augenblicke“, triton verlag, wien 2003, neuauflage luftschacht, wien 2007, „wände aus papier“, luftschacht, wien 2007.

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liesl ujvary, kommentar

freunde, lehrer, chefs kann man sich in gewisser weise aussuchen, die eltern nicht. kommunikation in all ihren formen – sprachlicher ausdruck, gesten, verhaltensweisen, reaktionsformen – wird uns von den eltern beigebracht. die rohfassung ist von der gesellschaft vorgegeben, die feinabstimmung wird tagtäglich von den eltern besorgt. hanno millesi geht es in dem erzählband „wände aus papier“ bevorzugt um innerfamiliäre kommunikationsformen, und da vor allem um nonverbale kommunikation. der sprachliche ausdruck wird bis zu einem absoluten minimum heruntergefahren, bis zu einem irreduziblen rest von fast-verweigerung, der durchaus einen freundlichen anschein zu erwecken vermag. dafür geht es auf der nonverbalen ebene eher krass zu. hier greift millesi zu metaphern, die an deftigkeit nichts zu wünschen übrig lassen. gewalttätige väter, gefühllose mütter, verzweifelte jugendliche sind in schlachten verwickelt, die unter einem schleier bürgerlicher diskretion oft kaum sichtbar werden, es sei den, sie münden, wie im vorliegenden text, in direkte selbstzerfleischung. die texte des bandes „wände aus papier“ (sic!) sind eindrückliche lehrstücke darüber, was es kostet, unsere kulturellen errungenschaften praktisch durchzusetzen. nicht wenig.

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Lisa Spalt „Winterweiß“ Schneewittchen

Funktionierts? Das Ding, das nicht hört? Das die zeitgemäße Terminologie der Erziehung nicht versteht? Die aktuelle Bezeichnung seiner Ausbildung nicht kennt? Dieses Kind, das nichts und nichts annimmt? Für eine richtige Frautätschelt Jungmutter breitbeinig ihren Fortwuchs im sich wölbenden Bauch ist ein Kind ein Gewinn, beweist es doch, dass sie eine – sie ins Futur projizierende – Kurve kriegen kann. Zukunftsexpansion denkt sie in sich drin:klar, reparierst du mich ganzheitlich / dein Schaum zieht zisch ein und du saugst mein fett auf / mit Sacchariden / kontrollierst du / mein krauses Haar / machst Faltentiefe unsichtbar … Ja, Mutterliebe fühlt sich schwapp fühlen die werdenden Mutter, Liebe zu sich, dass sie sich Fruchtbarkeit bedeutende Kirschen lippenrot an dieOhren hängt, dass sie mit Gold als dem Grund legenden Prädikat der Frucht tragenden Gerste sich wiegt. Sie misst den Wert ihrer Ich-Aktie im Vorbeigehen an Schaufenster-Spiegeln sowie in wiederholbaren Glücksgefühlen. Ein das Körperprofil deutlich unterbrechendes Protzen gehört ihr zum Zähneputzen wie die Vokabel vomn Sauberkeitsritual, mit dem sie sich von der schmutzigen Welt unterscheiden kann. Hasenpfote im Schritt besingt sie ihr Bild, sobald kein mutterkörperfremdes Ohr den ihren Stolz verratenden Spruch vernimmt.O, frohe Erwartung wird. Bald strotzt die Mutter säugend mein Mutterkind funktioniert. Und da kann sie den werkenden Organismus als Schönheit auch schon vorweisen, wenn ihn wer sehen will.

Dosis von Spannung verursacht Mutterperle in der kindlichen Körperöffnung. Die dringt gern in die Schönheit. Die befördert Fremdkörper gulp in die blakende Höhle hinterm Kindermund. Mutterfreuden ist Mamah überwältigt. Milchqualität löst starkes Schlucken aus. Gehorsames Kind verschlingt im V-Ausschnitt sein pralles, zum Anreiz gewachsenes Brustobjekt. Und Mamahtschi drückt press. Dauernd betätigts mit Fleisch und Blut den warmen Mutter-Futtermaten, wo Papillengewebe die Speise temperiert, wo die Zungenzelle im Enzymbad einer liebenden Spucke etcera, was das Bäuchlein gluckernd assimiliert.

aus: Lisa Spalt, GRIMMS. Ritter Literatur, Wien Klagenfurt 2007.

Lisa Spalt, geboren 1970 in Hohenems. Studium der Deutschen Philologie und der Romanistik; zahlreiche Publikationen.

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liesl ujvary, kommentar

lisa spalts prosa in GRIMMS ist schnell, dicht und artifiziell. „War es in den Märchen noch die Moral, welche die ohnehin Schönen zum Glück von Ehe und Reichtum führen konnte, sind es jetzt so genannte Produkte, die versprechen, dass jeder und jede zur ewig jugendlichen Schönheit werden und so den Weg zur guten Person des Märchens (zum Winner) einschlagen kann. Die Frage nach dem Glück, dem Sinn des Lebens, kann sich auf der Folie dieser Produktordnung manchmal als eine recht jämmerliche darstellen.“ so die autorin über ihren text. der titel GRIMMS bezieht sich auf grimms märchen, oder eher auf eine „märchenhafte oberfläche“ im warhol’schen sinn, eine vertraute ikonografie, die zusätzlich eine kommentierende ebene in die warenwelt und ihre verlockungen einzieht. die botschaft des textes ist leicht entschlüsselt, vorgeführt wird die zurichtung der frau als optimiertes objekt der begierde durch konsequente befolgung aller anweisungenen von konsum und werbung. die durchführung allerdings ist höchst kunstvoll, sprachmaterial verschiedenster herkunft wird rasant ineinander montiert, sprachspiele & verbaler slapstick verbinden sich zu einem text, welcher der prosa ein ganz neues feld eröffnet – „wortschach auf höchstem niveau“, nennt es der rezensent günter vallaster.

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Margret Kreidl, aus: Ich habe einen Vogel

Ich laufe über die Wiese. Ich laufe immer schneller. Ich mache große Sprünge. Meine Beine tragen mich nicht mehr. Ich schwe­be in der Luft. Ich fliege. Ich tauche meine Arme in die Luft, und wenn ich die Füße nach unten strecke, spüre ich keinen Grund. Ich fliege über die Wiese hinaus, immer höher. Nicht hinunterschauen, sagt die Mutter, sonst wird dir noch schwindlig.

Du bist allein in dem schönen Zimmer, und dein Kopf tut dir

weh. Deine Haare tun dir weh. Deine Augen tun dir weh. Dein

Mund tut dir weh. Dein Hals tut dir weh. Dein Herz tut dir weh. Dein Bauch tut dir weh. Deine Beine tun dir weh. Deine Füße tun dir weh. Deine Zehennägel tun dir weh. Deine Fingernägel tun dir weh. Deine Hände tun dir weh. Deine Arme tun dir weh. Du nimmst einen Stuhl und stellst ihn vor die Tür. Du setzt dich und wartest. Du wartest. Du willst, daß sie kommt und sich neben dich setzt. Und du willst, daß sie dir eine Geschichte erzählt, die Geschichte, die du schon auswendig kennst.

Es war einmal eine Frau, die hatte eine kleine Tochter und ein krankes Herz. Eines Tages sagte sie zu ihrer Tochter: Mein Herz wird bald stehenbleiben. Und wenn mein Herz stehen­bleibt, bleibe ich auch stehen. Ich werde dich nicht mehr hören und sehen. Da fing das kleine Mädchen zu weinen an. Sei nicht traurig, sagte die Mutter. Auch wenn ich dich nicht mehr höre und sehe: Der Boden kann dich hören, die Wand kann dich sehen.

Ein dünnes hohes Klagen. Ein dünnes Pfeifen. Ein weicher klagender Pfiff. Ein zitternder Triller. Ein tiefes rauhes Trillern. Ein rauhes Krächzen. Ein leises Kratzen. Ein kratzendes Schleifen. Ein leise schwirrendes Pfeifen. Ein kreischendes Schwirren. Ein kurzer hoher Pfiff. Ein heiseres Scheppern. Ein schnalzendes Klappern. Ein hölzernes Schnarren. Ein laut schnarrendes Krächzen. Ein schnarchendes Bellen. Ein auf und ab schwellendes Schnurren. Ein hohes schnaubendes Bellen. Ein schnurrender Triller. Ein rauhes Knurren. Ein hohes kläffendes Geschnatter. Ein trillerndes Gelächter. Ein tiefes schwatzendes Schnattern. Ein leises kehliges Schwätzen. Ein leises Kichern. Ein lautes Schmatzen. Ein schneidender Pfiff. Ein hartes kehliges Lachen.

aus: Eine Schwalbe falten, unveröffentlichtes Manuskript. Erscheint 2009 bei Edition Korrespondenzen, Wien.

Margret Kreidl, geboren 1964 in Salzburg, lebt und arbeitet in Wien.

Theaterstücke, Minidramen, Hörspiele, Prosa, Lyrik. Sprachspiele, Lautpoesie, Materialtexte. Genretravestien.

Veröffentlichungen (Auswahl): „In allen Einzelheiten. Katalog“, Ritter Verlag, Klagenfurt Wien, 1998. „Süsse Büsche“, Das fröhliche Wohnzimmer, Wien 1999. „Laute Paare. Szenen, Bilder, Listen“, Edition Korrespondenzen, Wien 2002. „Mitten ins Herz“, Edition Korrespondenzen, Wien 2005.

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liesl ujvary, kommentar

ich habe einen vogel, lautet der titel des textes, und man erfährt nicht genau, handelt es sich um einen kanarienvogel im käfig, oder um eine metapher für geisteskrankheit, oder glaubt die erzählerin, wirklich fliegen zu können? bei mir hat das, wenigstens im traum, schon so funktioniert. ein herr doktor kommt öfter vor, das deutet doch auf eine psychiatrische einrichtung, die mutter tritt auf, eher selten, eine schwester, vielleicht zwillingsschwester, existiert oder wird imaginiert. die identität der erzählerin verschwimmt.

margret kreidl beherrscht die kunst der parataxe perfekt. der text ist als parataktisches labyrinth angelegt, wobei minimalistische variationen auf immer neue irrwege oder auswege führen, die auch metaphorisch unterschiedlich bebildert sind, mal mit schmerzzuständen, mal mit onomatopoetischem vogelgezwitscher, mal mit evokationen an abwesende oder herbeigesehnte personen. viele texte und sätze margret kreidls scheinen ihren ursprung in sprechakten zu haben, la parole, daher auch ihr bezug zu dramatischen gattungen. die brillanz der redundanz gelingt margret kreidl ganz nebenbei in ihren listen, eine der ältesten literarischen formen überhaupt, schon in babylonien verwendete man einkaufslisten, in der bibel stehen sie für genealogien wie auch in den altnordischen epen, füllungen jedweder art sind erlaubt. auch der fragebogen, hier nach der anamnese, ist ja eine liste. der text endet mit einer beschreibung von vogellauten. sind es vogellaute? jedenfalls laute, eher tierlaute – mit artaud könnte man sagen, jede wahre sprache ist unverständlich. das sagen uns margret kreidls texte  – sieverweigern jede fest umrissene botschaft, sie fordern den klaren blick auf ziemlich unklare verhältnisse, es sind knappe kunstwerke, oft zwischen den gattungen, immer in ironischer schwebe gehalten.

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zu martin breindl, restl.welt

ist es visuelle poesie, ist es ein hinweis auf einen film, ist es ein fetzchen papier, ein objet trouvé, ist es eine proposition, ist es ein kunstwerk? in solchen begriffsfeldern bewegt sich der autor und medienkünstler martin breindl. das blatt war 2007 in der ausstellung „change your tongue“ in der galerie splitter, wien, ausgestellt

martin breindl wurde 1963 in wien geboren und studierte an der universität für angewandte kunst und an der universität wien. seit 2001 kurator von fluss / niederösterreich. 2001-2002 content design für „kunstradio online“. arbeiten in den bereichen intermedia, installation, net.art, radiokunst, sound art, video und bildende kunst. zuletzt: 2005 „das schnelle wort“, installation, work in progress, dom im berg, graz. bei ncc netART community congress: „die wohltemperierte küche“, kochperformance mit dem ensemble „die reihe“, tulln, in zusammenarbeit mit „jeunesse“ und „musik aktuell“. 1997 gründung des künstlerkollektivs „alien productions“ mit andrea sodomka und norbert math, gemeinschaftsprojekte.

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als medienkünstler interessiert sich breindl für den wahrnehmungsfluss, der nicht nur von der sogenannten realität, sondern auch von den medien strukturiert und gesteuert wird. die vielfachen verschränkungen des wahrnehmungsflusses werden durchgespielt, präsentiert, ironisiert, denunziert. mögliche entflechtungen werden angeboten. oft wird avancierte, hochkomplexe technologie verwendet, etwa in dem neuen gemeinschaftsprojekt „der gedankenprojektor“, graz 2007.

die idee zu DER GEDANKENPROJEKTOR geht auf eine – nie realisierte – erfindung nikola teslas zurück: eine apparatur, mit der man gedanken fotografieren könne. mit einer speziellen funduskamera der firma zeiss, wie sie bei medizinischen untersuchungen verwendung findet, werden augenhintergrund und iris der besucherInnen fotografiert und auf eine zentrale projektion übertragen. ein computer wertet die entstandenen bilder aus und bringt die verborgenen gedanken der besucherInnen, die sich auf der retina abgebildet haben, zum vorschein. das ergebnis wird als „gedankenfries“ an die wand des ausstellungsraumes projiziert, die bilder von auge und augenhintergrund und die mit ihnen verschmolzenen gedanken werden ins internet gestreamt, wo sie allen userInnen zugänglich sind – also wird im netz eine art monitoringsituation geschaffen. das konzept ist gekoppelt an die realpolitische situation des gläsernen menschen, auf die überwachungskameras, die ihre augen in jedem x-beliebigen städtischen raum auf uns richten, auf die protokolle der telefonanrufe, auf das hierarchische system der kontrollorgane der macht.

„der gedankenprojektor“, vom künstlerhaus graz (werner fenz, evelyn kraus) im september/oktober 2007 erstproduziert, wird heuer 2008 bei der ars electronica in linz gezeigt und anschliessend in wien und tokio zum einsatz kommen.

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es geht aber auch ganz anders, nämlich einfach – wie  in den zeichnungen ZWISCHENZEIT – ZWISCHENRAUM, mit bleistift und buchstabenfolien auf papier. dieses ineinander, gegeneinander, übereinander, die mehrdimensionalität unserer wahrnehmungsprozesse wird hier bildhaft klar gemacht.

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leichtfüssig und unangestrengt turnt martin breindl, oft in gesellschaft seiner beiden mit-aliens andrea sodomka und norbert math, zwischen den metaebenen und vermittelt uns einsichten, die anderswo nicht so witzig und ästhetisch überzeugend zu haben sind.

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dieter sperl, aus: diamanten und schund

Ein besonderer Tag

Ein heftiger Juliregen

ging gerade nieder, als ich mich eines Spaziergangs erinnerte, den ich vor etlichen Jahren in der Nähe von Fraserburgh, an der Nordküste Schottlands, machte: Dort passierte es mir unversehens – und das erste Mal in meinem Leben überhaupt – dass ich weit und breit keine Menschen mehr in ihren individuell ausgerichteten und rastlos scheinenden Drohgebärden auf mich zukommen sah. Soweit das Auge reichte, gab es nur kleinwüchsige Sträucher, angedeutete Wege, Hügel, und ein mächtiger, klarer und blauer Himmel strahlte eine tief in mich hineinreichende und wunderbare Stille aus, sodass ich einige Zeit lang unwiderruflichen Schrittes durch dieses Bild, dessen Teil ich geworden war, ging. Ich weiß nicht, wie ich es besser sagen könnte, damit auch Sie sich von dieser aufgetretenen Weite empfangen fühlen mögen, die mich immer noch fliegen lässt, wenn ich ihr bloß nahe komme. Wahrscheinlich fragen Sie sich jedoch eher, welche allgemeine Bedeutung aus solchem Gesagten resultiert, wenn man die täglichen Vereinbarungen einzuhalten hat. Meine diesbezügliche Antwort lautet schlicht: Wir sollten uns vor allem darum bemühen, jedem Augenblick mit äußerster Aufmerksamkeit und Klarheit zu begegnen, um endlich dorthin zu gelangen, wo keine wie auch immer verwöhnte Welt, kein zurecht gebogenes Universum uns anlächelt, als gälte es bloß ununterbrochen die selbst gebastelten Weihnachtswünsche unserer Verwandten, die der Wissenschafter oder Medienmenschen und all der anderen in unserem Gesichtsfeld auftauchenden und wieder verschwindenden zu befriedigen. Ich weiß nicht, wie lange ich so dahin ging, während mein Denken sich umfassend und angenehm richtungslos fort bewegte. Waren es bloß Minuten? Oder doch eine halbe Stunde? Vielleicht Stunden? Ich kann es beim besten Willen nicht sagen.

sperl

Der starke Regen ließ nun endlich nach, und der Himmel wirkte erfrischt, wenn auch gleichzeitig träge von der fortgerückten Stunde des Tages. Ich atmete ein paar Mal tief durch, dann trat ich von der überdachten Terrasse des Kaffeehauses, in welchem ich mich während des Regens aufgehalten hatte, auf die Strasse. Im selben Moment hörte ich eine Frauenstimme in meiner Nähe sagen: Heute ist ein besonderer Tag, um mir nichts zu merken. Überrascht von dem eben Gehörten, blickte ich nun einer schlanken Frau, die lächelnd am Arm eines kleinen, übergewichtigen, mit Goldketten behängten Mannes daherspazierte, direkt in die Augen. Sie hatte blonde halblange, an den Enden nach außen gewellte Haare mit brünetten Streifen und trug überdimensionale schwarze viereckige 70er Jahre Sonnenbrillen. Außerdem einen dünnen Sommermantel mit großem Stehkragen und doppelreihiger Knopfleiste im Sixties Style und dazu schwarze Lackpumps von Miu Miu. Einen Moment lang hielt ich angespannt inne, aber einem solchen Bild konnte ich begreiflicherweise nicht trauen, wandte mich deshalb schleunigst davon ab und ging meines Weges, der mir nunmehr noch eine Spur rätselhafter erschien als zuvor.

dieter sperl, geboren 1966 in wolfsberg, kärnten. studium der deutschen philologie und philosophie in graz. lebt in wien. buchpublikationen, herausgebertätigkeit, hörspiele, textinstallationen, workshops. zuletzt: RANDOM WALKER. filmtagebuch, 2005 und ABSICHTSLOS. roman, 2007. beide erschienen im ritter verlag, wien – klagenfurt.

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 liesl ujvary, kommentar

dieter sperl versammelt in seinem erzählzyklus „diamanten und schund“ eine grosse menge nennen wir es semantische folien, in denen die unterschiedlichsten stimmungen, lebensarten, gefühlswelten, handlungsanweisungen, motivkombinationen beschrieben oder zumindest angedeutet werden. die spannweite ist im titel „diamanten und schund“ vorgegeben. diese folien legt er übereinander – einige sind transparent, manche fast opak – und lässt durch diese semantischen tönungen lebenssituationen durchschimmern, in denen die personen wie eingefroren gezeigt werden, gefangen in einem polyesterblock. dann – eine  folie wird entfernt, eine andere eingezogen, und die situation manifestiert sich komplett anders – kein polyester mehr, keine festgezurrten konstrukte und konstanten, ein frischer luftzug eröffnet aussichten auf beispielsweise extrem klare schottische hochmoore, natürlich menschenleer. sperl möchte die wachheit der wahrnehmung fördern, er möchte lesehilfe (lebenshilfe?) anbieten, „abflugrampen für neue gedanken, vielleicht nur angerissene träume“. seine erzählungen sollen „emotionen schüren, unsere selbstbeobachtung schärfen“. nun, die fragilität und zartheit seiner erzählerischen texturen lassen dem leser alle möglichen freiheiten, weder winkt ein zaunpfahl noch wird eine moral serviert. handlung im üblichen sinn gibt es nicht, kausalität ist ausser kraft gesetzt. das leben ist ein gestrüpp, ja, aber es ist nicht undurchdringlich – ist das die essenz?

alte schmiede wien: http://tinyurl.com/p6ffozy